Stil-Zwitter

Boito: Mefistofele
Lyon | Opéra

Opernwelt - Logo

Man kann sich die Szene gut vorstellen. Wie sich der kleine Daniele, elf Jahre jung, vor dem großen Riccardo aufbaute und verkündete: Dirigent, das wolle er auch werden. Muti hat das damals, so erinnert sich der ehemalige Sängerknabe heute, vollkommen ernst genommen und aufgezählt, welche Studienfächer erforderlich sind. Heute ist für Daniele Rustioni nicht nur dieser Berufstraum wahr geworden, mehr noch: Er ist Chef.

Und zu Beginn seiner zweiten Spielzeit an der Opéra de Lyon hat sich der 35-Jährige eine harte Nuss vorgenommen – jenes Stück nämlich, das er einst unter Muti an der Scala sang.

Arrigo Boito, der sich für seinen «Mefistofele» den doppelten Goethe-«Faust» auf eine immens wirkungsvolle Schlaglichtfolge zurechtstutzte, bietet bestes Orchesterfutter. Italianità, Wagnerismen, Bizarrerien, die bei Berlioz wurzeln, all das wird zum süßsauerbitteren Eintopf verrührt. Und das Beste ist: Bei Rustioni wirkt das vollkommen logisch, organisch, selbstverständlich – jedoch nie nivelliert. Alle Zutaten Boitos schmecken heraus. Es macht ungeheuren Spaß zuzuhören, wie Rustioni mit dem Stilzwitter umgeht, vor allem auch handwerklich: Die Riesenensembles mit dem formidablen Chor rasten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Schwarze Messe

Vom deutschen Wald, dem «Jägervergnügen», Agathes guter Stube und der mitternächtlich-gespenstischen Wolfsschlucht ist nichts zu sehen in Verena Stoibers «Freischütz»-Inszenierung, für deren Konzept sie 2014 den Grazer «Ring Award» gewann. Stattdessen zeigt die nüchterne Einheitsszenerie von Sophia Schneiders Bühnenbild einen gotischen Kirchenraum – graue Säulen,...

Gefühle aus erstem Hund

Dem Hunde, wenn er gut erzogen, wird selbst ein weiser Mann gewogen ...» Der dies sagt, heißt Wagner – er äußert es jedoch beim Osterspaziergang zu Faust, woraus erhellt, dass es ist nicht Richard der Einzige ist. Sondern eben des Doktors Famulus. Also mittelbar Goethe. Und der war wohl kein Hundefreund, wie etwa seine «Italienische Reise» enthüllt. In der...

Sichtbar im Dunkeln

Natürlich dürfen wir uns Schumanns Faust nicht leibhaftig vorstellen. Als Grübler mit gebeugtem Kopf, zerfurchter Stirn, in fadenscheiniger Kluft. Auch Gretchen ist bei ihm nicht eine Verführte  aus Fleisch und Blut, so wenig wie Mephisto ein hölleneifrig-zynischer Tatmensch, der ihren und manch anderen Fall einfädelt. In den Bruchstücken, die Schumann für sein...