Stehkarussell steril
Die Entstehungsgeschichte des «Prophète» zieht sich lang durch die 1840er-Jahre. Für die extremen Anforderungen an seine Hauptpartien musste Meyerbeer auf die Verfügbarkeit vor allem der epochalen Mezzosopranistin Pauline Viardot warten, die Fidès, der Mutter des falschen Propheten, unfassbar profunde Töne zu geben vermochte. Dann kam noch die 48er Revolution dazwischen, die der Komponist in Paris hautnah erlebte. Er mischte sich sogar unter das aufständische Volk, das die Tuilerien stürmte, durch die Luxusräume der bis dahin Herrschenden zerstörend «hin- und herwogte».
Eine Erfahrung, die sich in der 1849 uraufgeführten Oper über Aufstieg und Fall des Wiedertäufer-Propheten Jean von Leyden niederschlug. Messerscharf analysierten Scribe und Meyerbeer das Politische und Private als Manipulationsvorgänge mit katastrophalen Folgen. Am Ende keine Rettung für niemanden; die Verführer und Verführten werden allesamt in die Luft gesprengt. Eine tabula rasa-Lösung, finsterer als Wagners «Götterdämmerung», die ja immerhin musikalisch verklärt ausgeht.
Wer «Le Prophète» heute spielt, muss also erstens auf die Frage nach der aktuellen Brisanz des Stoffs, zweitens auf die der Besetzung der ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Holger Noltze
Così fan tutte? Schön wär’s. Nur wenige Dirigenten durchforsten die Partitur dieses Dramma giocoso mit solch mikroskopischer Präzision und geschärftem dramaturgischen Sinn, wie es jetzt Hartmut Haenchen in der Opéra des Nations unternommen hat. Fast möchte man von einer revolutionären Tat sprechen, wäre nicht die Partitur schon ebenso beschaffen. Haenchen folgt...
Kriegsspiele haben Tradition. Auf Holzsoldaten folgten Zinnfiguren, dann kamen Armeen aus Kunststoff, bevor Spielzeugblaster und Ego-Shooter für den bislang letzten Evolutionssprung des homo ludens sorgten. Es gibt aber auch ziemlich intellektuelle Formen der Kriegsspielerei: Die eine heißt Schach, die andere Regietheater. Friedensbewegte Zeitgenossen meinen,...
Der Lyriker bleibt am längsten mit dem Musiker geeint», schreibt Friedrich Nietzsche in «Götzen-Dämmerung», auch wenn die Künste sich «allmählich spezialisiert und voneinander abgetrennt» hätten. Mit beiden Kunstgattungen war Nietzsche eng vertraut: Bis etwa zum 30. Lebensjahr komponierte er selbst, auch wenn er wusste, dass er dabei unter der Messlatte der von ihm...
