Staunen, von Beginn an
Über die Einteilung der Stimme in Fächer konnte sie nur lachen. Was für sie zählte, war allein die Klangrede aus innerer Notwendigkeit. Unerschöpflich schienen ihre vokalen Ressourcen, egal ob sie Gounod, Verdi,
Wagner, Strauss oder Spirituals sang. Selbst im Gespräch vermochte Jessye Norman zu elektrisieren.
Erinnerungen an eine Künstlerin, die sich leidenschaftlich für Emanzipation und gegen Rassismus im Musikbetrieb einsetzte und ihre zuletzt raren Auftritte wie ein Hochamt zelebrierte
Kein pompöser Sonnenuntergang ist das, in Technicolor und Cinemascope. Behutsam, fast zaghaft beginnt sie das Wort «Abendrot», mit einem pianissimo angesetzten G auf der ersten Silbe. Ganz subtil, nur ein wenig wird der Klang aufgezogen, eine Wölbung, ein rotsilberner Schimmer, vokal gemalt als Pastell, das viel durchscheinen lässt von dem, was sich hinter der Naturschilderung verbirgt. Es ginge ja anders, gebieterischer, Jessye Norman hat das oft genug gezeigt. Doch hier ist es nicht allein Transparenz, die zur Hör-Erfahrung wird, sondern Transzendenz: Klangrede, das begreift man in diesen kostbaren Sekunden, in dieser Phrase, in diesem einzigen gesungenen Wort – sie ist weniger Errungenschaft ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Nachruf, Seite 34
von Markus Thiel
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften. Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord...
Zwar ist 2019 noch nicht vorbei. Doch müsste ein Wunder geschehen, um dieses Offenbach-Jahr noch zu drehen. Sein Ertrag ist – überschaubar: einige Neuproduktionen, doch kaum neue Perspektiven. Und noch weniger Auseinandersetzungen mit Unbekanntem («Barkouf», der im Oktober in Köln Premiere hatte, war schon 2018 in Straßburg herausgekommen).
Das kalauernde Motto...
Die Inszenierung? Nun ja, umstritten war sie. Wild, hemmungslos, chaotisch (OW 11/2018). So, als habe Jan Lauwers sich von Monteverdis frühbarocker Üppigkeit in «L’ incoronazione di Poppea» inspirieren lassen zu einer schwindelerregenden danse erotique, in dem die menschlichen Leidenschaften ganz und gar unplatonisch waberten und alle Vernunft über Bord gekippt...
