Sprachlos

Oldenburg | Kampe: Anoia

Opernwelt - Logo

Den Grenzbereich zwischen Wahn und Wirklichkeit habe er ausloten wollen, sagt Librettist und Regisseur Alexander Müller-Elmau. Da ist es fast schon schade, dass er zur Motivation der unter dieser Prämisse entwickelten Bühnenaktion ein konventionelles Narrativ bemüht, das, wenn auch fragmentarisch aufgebrochen, Missbrauchserfahrungen und kindliche Traumata thematisiert. Freilich wird das Thema auf der Bühne nicht vordergründig behandelt, hält sich auch der Autor fern von schnellfertigem Psychologisieren.

Es erklärt sich wahrlich nicht alles, was an diesem Abend in der Oldenburger Exerzierhalle geschieht. Anoia – so lautet der (programmatische) Name der Hauptfigur: «Ohne Denken», «ohne Verstand» – Name und Stücktitel klingen wie eine ironische Verkehrung jener ambitiösen «Metanoia», die Jens Joneleit für die Berliner Staatsoper komponierte und die 2010 uraufgeführt wurde.

Man sieht eine junge Frau in kahlem Raum, gefangen in einem Glaskasten, eingesperrt in ihre verschobene, «verrückte» Wahrnehmung, doch damit zugleich geschützt vor ihren Traumata. Die bedrängen sie in Gestalt der übrigen Personen von außen. Sie belagern diesen Kasten, diesen Schutzraum, aggressiv, erzwingen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Panorama, Seite 61
von Ingo Dorfmüller

Weitere Beiträge
Klassentreffen, Akademie, Werkstatt

I

Eine halbe Stunde noch. Im Vorhof des barocken Hôtel Maynier d’Oppéde stehen schon an die fünfzig Neugierige Schlange. Sicher ist sicher: Die Plätze sind schnell weg in den öffentlichen Meisterklassen der Académie européenne de musique, die das Festival in Aix seit 1998 veranstaltet. Man scherzt, winkt sich zu, plaudert entspannt über die Hitze, die Familie, das...

Auf Distanz

Mit «Émilie», Kaija Saariahos dritter Kollaboration mit dem Librettisten Amin Maalouf, hat das Lincoln Center Festival zum wiederholten Mal ein Stück importiert, dessen Stoff zwar kulturhistorisch interessant, aber nicht augenfällig für das Musiktheater geeignet ist. Die Produktion selbst bezieht ihren Glanz denn auch mehr von erlesenen Werbefotos als aus ihrer...

Traumspiel à la Freud

Hin und wieder scheinen Stücke an ihrem Anspruch ebenso zu scheitern wie an den in sie gesetzten Erwartungen. Ein Musterbeispiel hierfür ist Franz Lehárs Operette «Zigeunerliebe» (1910). Musikalisch erfüllt das Stück über weite Strecken die Anforderungen einer Oper, auch das Libretto sucht Operetten-Klischees zu meiden – ohne, den Usancen der Operettenkunst der...