Sophias Welt
Jede Aufführung von Donizettis «Lucia di Lammermoor» steht (oder fällt) mit der Besetzung der Titelrolle. Mit ihrer vokalen Pyrotechnik und exaltierten Gefühlsdialektik, die psychische Extremzustände wie mit dem Zoom zeigt, gehört die Partie zu den größten Herausforderungen im Reich des Gesangs. In Osnabrück überwältigt die junge Sopranistin Sophia Theodorides mit einer Darstellung, die im Spiel wie in der Stimme sämtliche Facetten dieser komplexen Figur erfasst: die emotionalen Einbrüche, die innere Ektase wie den seelischen Zusammenbruch, der sie in den Wahnsinn stürzt.
Jedes Wort, jeder Ton besitzt gestische, szenische Bedeutung. In ihrer ersten Arie ist sie mit lyrisch aufblühendem, innig-zartem Ton die elfenhaft Liebende, im anschließenden Duett mit ihrem Liebhaber Edgardo die leidenschaftlich begehrende junge Frau. Die exaltierte Empfindsamkeit ihrer «zerstörerisch heftigen Liebe» (so Donizetti) deutet Theodorides hier weniger in den stimmlichen Aufschwüngen als im magischen Pianissimo der langsamen Cabaletta an. Im aufwühlenden Duett mit ihrem schurkischen Bruder Enrico – Rhys Jenkins singt ihn mit großsprecherisch aufgeblähter Rhetorik – und der von diesem eingefädelten ...
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Opernwelt März 2022
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Uwe Schweikert
Was für ein poetisches Bild. Eine Frau sitzt versonnen an einer Orgel, die Rechte sanft auf die Tasten gelegt, sie scheint darüber nachzudenken, wie der Ton, den sie gleich anschlägt, klingen möge, was er auslösen, bewirken könnte in all seiner Flüchtigkeit, Resonanz und (möglichen) Kontingenz. Oder ob nicht vielleicht nicht dieser einzige Ton imstande wäre, die...
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