Sommernachtsträume

Die Arena di Verona ist mehr als ein Festival. Sie ist ein Mythos, der auch 150 Jahre nach der Geburt des Tenors, Impresarios und großen Stimmen-Entdeckers Giovanni Zenatello lebt. Die neue «Traviata» beweist es

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Giovanni Zenatello ist in diesen sommerlichen Veroneser Tagen allgegenwärtig. Nicht nur, weil sich der Geburtstag des Tenors, Impresarios und Stimmenentdeckers zum 150. Mal jährt, sondern vor allem, weil sein Traum weiterlebt. Unter dem ersten Arkadenbogen hängt Zenatellos Radamès-Schwert. Bronze, leicht patiniert, halb Reliquie, halb Theatermythos. Man muss nicht an Geister glauben, um zu spüren, dass dieser Ort seine Vergangenheit nicht ausstellt, sondern in sich trägt. Zenatello gehört zu jenen Figuren, deren Biographie nicht mit ihrem Tod endet.

Sie setzt sich fort – Abend für Abend, Sommer für Sommer.

Als er am 10. August 1913 Verdis «Aida» aus dem Opernhaus hinaus in das römische Amphitheater führte, begann nicht nur ein Festival. Es entstand eine Idee von Oper, die bis heute erstaunlich unversehrt geblieben ist. Kriege, politische Umbrüche und veränderte Hörgewohnheiten hat die Arena überstanden. Kino, Fern -sehen und digitale Medien haben ihre Rolle verändert, aber nicht ihren Kern berührt. Ihrem Ursprung ist sie treu geblieben: Oper als großes Fest für alle. Vielleicht liegt gerade darin das eigentliche Wunder von Verona. Denn die Arena bewahrt sich nicht durch Stillstand, sondern durch die Fähigkeit, Erneuerung aus der Tradition zu gewinnen. Das Programm der 103. Festival-Ausgabe zeigt dies mit beinahe demonstrativer Selbstverständlichkeit: Verdis «La traviata» in einer Neuinszenierung, zwei denkbar unterschiedliche «Aida»-Produktionen, dazu «Nabucco», «La Bohème» und «Turandot», die 100 Jahre nach ihrer Uraufführung an den Ort des großen Spektakels zurückkehrt.

Es ist ein Spiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kanon und Zeitgenossenschaft. Die Arena erfindet sich nicht neu; sie schreibt ihre eigene Geschichte weiter. Während andere Festivals fieberhaft nach neuen Formaten suchen, genügt Verona oft ein Blick auf die eigene Tradition – vorausgesetzt, man ist bereit, sie immer wieder neu zu lesen. Seit zwei Spielzeiten prägt vor allem Stefano Podas visionäre «Aida di cristallo» das Erscheinungsbild der Arena. Ägypten erscheint hier nicht als historischer Schauplatz, sondern als geistiger Raum. Transparente Monumente, kristalline Formen und futuristische Kostüme schaffen eine Ästhetik zwischen Haute Couture und metaphysischem Ritual. Poda verweigert jede konkrete Aktualisierung und sucht stattdessen das Allgemeingültige. «Die Oper soll die Geschichte der eigenen Seele erzählen», sagt er. Ein Satz, der im gewaltigen Rund der Arena überraschend plausibel wirkt. Monumentalität und Innerlichkeit schließen einander hier nicht aus.

Doch trotz aller «Aida»-Pracht richtet sich der Blick in diesem Sommer vor allem auf eine andere starke Frau: Violetta Valéry. Die neue «Traviata» eröffnet den Festival-Jahrgang und erinnert zugleich an ein historisches Datum. 1946 war Verdis Werk das erste Bühnenwerk, das nach dem Krieg wieder in der Arena gespielt wurde. Dass nun erneut gerade diese Oper im Mittelpunkt steht, besitzt beinahe symbolische Kraft: Keine andere Figur verkörpert Glanz und Verletzlichkeit so sehr wie Violetta. Beinahe wäre diese Rückkehr allerdings gescheitert. Zwei Tage vor der Premiere verwüstete ein Sturm große Teile der neuen Bühnenbilder. Das rote Mühlenrad des «Moulin Rouge» wurde beschädigt, ebenso der monumentale Elefant. Für kurze Zeit schien die Arbeit von Monaten vergebens. Doch gerade in solchen Momenten zeigt sich die eigentliche Natur dieses Festivals. Werkstätten arbeiteten rund um die Uhr, Bühnenarbeiter improvisierten, Kulissen wurden repariert oder neu gebaut, Intendantin Cecilia Gasdia blieb gelassen: «Wir werden spielen.» Und siehe da: Man spielte.

Vielleicht liegt auch darin ein Teil des Geheimnisses. Oder besser: die nüchterne Voraussetzung für die Poesie der Sommernächte. Die Arena ist längst mehr als ein Opernhaus. Mit über 1300 Mitarbeitern – darunter das sehr gut eingespielte Orchester sowie der beeindruckende Chor – und 53 Vorstellungen erlebt sie 2026 die umfangreichste Saison ihrer Geschichte. Fast 10.000 Zuschauer strömen Abend für Abend in das antike Rund. Schon im vergangenen Jahr hatte das Festival mehr als 400.000 Besucher, über 60 Prozent davon aus rund 130 Ländern. Die Ticketeinnahmen überstiegen 35 Millionen Euro. Mythos und Management, Leidenschaft und Pragmatismus bilden hier keinen Gegensatz. Die Arena ist eine Stadt in der Stadt – und ihr Erfolg ist die Voraussetzung ihrer Zukunft. Cecilia Gasdia hat daran entscheidenden Anteil. Die ehemalige Sopranistin verbindet Traditionsbewusstsein mit öffentlicher Wirksamkeit, ohne die Arena dem bloßen Event-Charakter preiszugeben.

Paul Currans neue «Traviata»-Inszenierung ist dafür ein aufschlussreiches Beispiel. Der schottische Regisseur verlegt die Handlung in die Belle Époque und die schillernde Welt des Montmartre. Das «Moulin Rouge» wird zur gesellschaftlichen Bühne von Violettas Leben – ein Ort des Glanzes, aber auch der Einsamkeit. Bewundert von allen und doch letztlich allein. Juan Guillermo Nova rekonstruiert das berühmte Cabaret mit seinem roten Mühlenrad und dem legendären Elefanten, Stefano Ciammittis Kostüme tauchen die Bühne in Rot, Schwarz und Gold. Es ist ein Theater der großen Bilder. Vielleicht manchmal zu sehr. Bisweilen scheint diese visuelle Opulenz die psychologische Präzision zu überdecken. Doch die Arena war nie ein Ort kammermusikalischer Seelenanalyse. Sie lebt von der großen Geste. Michele Spotti hält diese Welt musikalisch zusammen. Seine Interpretation setzt auf Transparenz, Eleganz und fließende Tempi. So bewahrt Verdis Partitur selbst im monumentalen Raum der Arena ihre fragile Intimität.

Wenn sich nach Mitternacht die steinernen Ränge leeren und der Himmel über Verona schwarz glänzt, zeigt sich vielleicht die eigentliche Besonderheit dieses Ortes. Die Arena ist Denkmal und Gegenwart zugleich, Monument und lebendiger Organismus. Sie verändert sich fortwährend – und bleibt sich gerade dadurch treu. Unter den Arkaden hängt noch immer Zenatellos Radamès-Schwert. Auf der Piazza Bra flaniert die Menge durch die warme Veroneser Nacht, auf der Bühne dreht sich das rote Mühlrad. Vieles hat sich verändert in Verona. Die Idee dahinter nicht. 

Verdi: La traviata VERONA | ARENA 
Premiere: 12. Juni 2026
Musikalische Leitung: Michele Spotti
Inszenierung: Paul Curran
Bühne: Juan Guillermo Nova
Kostüme: Stefano Ciammitti
Licht: Fabio Barrettin
Chor: Roberto Gabbiani
Solisten: Martina Russomanno (Violetta Valéry), Anna Werle (Flora Bervoix), Francesca Maionchi (Annina), Yusif Eyvazov (Alfredo Germont), Amartuvshin Enkhbat (Giorgio Germont), Carlo Bosi (Visconte di Letorières), Nicolò Ceriani (Il Barone Douphol) u. a. 
www.arena.it


Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 34
von Stefano Nardelli

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ML = Musikalische Leitung I = Inszenierung B = Bühnenbild K = Kostüme C = Chor S = Solisten P = Premiere UA = Uraufführung 

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www.theateraachen.de 
– Verdi, Don Carlo: 10. (P), 15., 30.10. ML: Török, I+B: Tzavara, K: Hiller, S: Barberi, Rojas, Ruvalcaba, Bell, Lawreszuk, Akbari, Popova, Franssen – Donizetti, L’elisir d’amore: 25.10.

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