Manifest der Vieldeutigkeit
Bis heute übt Johann Wolfgang von Goethes «Erlkönig» eine große Faszination auf Komponisten aus. Etwa 40 Vertonungen der Ballade hat die Pianistin Doriana Tchakarova identifiziert, dreizehn davon (die jüngste stammt vom 1967 geborenen Stefan Schulzki) hat sie nun mit dem Bariton Johannes Held aufgenommen. Was reizt zur musikalischen Gestaltung? Die Dramatik des Gedichts, die Vieldeutigkeit, die Vielstimmigkeit, die ´ filmische Bildhaftigkeit, und am Ende – die Tragik.
Ein Vater reitet mit seinem Sohn durch die Nacht, der Sohn sieht den Erlkönig, der ihn zu sich locken möchte, verführen mit zunehmend sexueller Konnotation («Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt»). Was steckt dahinter? Ein Kind im Fiebertraum? Ein Vater in zwei Gestalten, mal als schützende, mal als bedrohende Person («Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt»)? Eine Gespenstergeschichte? So einfach und klar die Handlung ist, die Goethe hier in Gedichtform erzählt, so offen ist der «Erlkönig» in seiner Bedeutung doch nach allen Seiten hin. Wohl der Hinweis auf ein großes Kunstwerk.
Die bekannteste Vertonung, jene von Franz Schubert (sie steht in der Mitte der Track-Liste und damit auf einem ...
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Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Medien, Seite 57
von Clemens Haustein
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Während der 1960er- und 1970er-Jahre wurde in der Bundesrepublik Deutschland die Kunstform Oper von ihren Fundamentalkritikern als zu lebensfern und teuer gebrandmarkt. Reaktionär, schon gar nicht gesellschaftsrelevant und den freien Künstlerinnen und Künstlern die Subventionen stehlend sei das Ganze – so lautete die Dauerkritik aus der politisch linken, respektive...
Es könnte ein Bild für die Götter sein – wie sie da so sitzt auf einer Parkbank an der Frankfurter Allee, neben sich eine Tragetasche, und in den Himmel über Berlin blinzelt, leicht versonnen, gedankenversunken, nachdenklich, so ganz anders eben, als man sie von der Bühne her kennt. Aber es ist dieselbe Frau, dieselbe Künstlerin, nur eben abseits des Rampenlichts....
