Sirenengesang
Solche Abende gibt es. Selten. Aber es gibt sie. Man sitzt an einem heißen Frühsommertag in einem Opernhaus oder, wie im vorliegenden Fall, in einem ehemaligen Straßenbahn-Betriebshof, blickt gespannt auf die Bühne – und wird dann buchstäblich übermannt. Eine Stimme erklingt, und im gleichen Moment hat man sowohl die aberwitzigen Temperaturen als auch alle Sorgen mit einem Ton vergessen. Dieser Stimme gelingt etwas, das nicht jeder Stimme gelingt. Sie berührt einen im Tiefsten seiner Seele. Sie bringt die Welt zum Stillstand.
So geschehen Anfang Juni, im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Oper Frankfurt. Gegeben wird Aribert Reimanns «Melusine». Und hat man schon nach wenigen Tönen erkannt, dass eine junge Sängerin in der Titelrolle erscheint, deren Koloratursopran außerordentliche Qualität(en) besitzt, so ist es spätestens in der ersten Szene des zweiten Akts um den Zuhörer geschehen. Anna Nekhames singt dieses Solo, in dem Melusine die Trauerweiden, den Klee und sogar den Salbei auffordert zu weinen, dem forellenartig sprudelnden Bach prophezeit, man werde seine Stimme ersticken, dem Himmel, dass seine Dämmerungen entfärbt würden, und schließlich der Erde zuflüstert, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 58
von Jürgen Otten
Starke Spielzeiteröffnung an der Deutschen Oper Berlin: Der Regisseur Christof Loy bringt Ottorino Respighis «La fiamma» auf die Bühne. 1936 war das Stück letztmals in der Stadt gespielt worden, danach nie wieder. Warum? Carlo Rizzi am Pult des Orchesters der Deutschen Oper präsentierte eine Musik, die voll dramatischer Kraft ist und die über einen hinreißenden...
Silvia Adler
DARMSTADT
Opernwelt
1. Die Oper Frankfurt
2. Nicholas Brownlee; Jana Baumeister; Alyona Rostovskaya
3. Nadja Loschky mit ihrer Inszenierung von Alban Bergs «Lulu» an der Oper Frankfurt, die kompromisslos in menschliche Abgründe leuchtet und gleichzeitig Bilder von irisierender Schönheit hervorbringt
4. Thomas Guggeis, insbesondere für Alban Bergs...
Für eine Gesamtaufnahme von Modest Mussorgskis «Boris Godunow» suchte Walter Legge, der umtriebige, einflussreiche Produzent der EMI, im Jahr 1952 einen Tenor für die Partie des Grigori, der nicht nur sehr gut singen, sondern auch perfekt Russisch sprechen sollte. Seine Wahl fiel auf den jungen Nicolai Gedda, der gerade als Chapelou in Adams «Postillon von...
