Sirenengesang
Solche Abende gibt es. Selten. Aber es gibt sie. Man sitzt an einem heißen Frühsommertag in einem Opernhaus oder, wie im vorliegenden Fall, in einem ehemaligen Straßenbahn-Betriebshof, blickt gespannt auf die Bühne – und wird dann buchstäblich übermannt. Eine Stimme erklingt, und im gleichen Moment hat man sowohl die aberwitzigen Temperaturen als auch alle Sorgen mit einem Ton vergessen. Dieser Stimme gelingt etwas, das nicht jeder Stimme gelingt. Sie berührt einen im Tiefsten seiner Seele. Sie bringt die Welt zum Stillstand.
So geschehen Anfang Juni, im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Oper Frankfurt. Gegeben wird Aribert Reimanns «Melusine». Und hat man schon nach wenigen Tönen erkannt, dass eine junge Sängerin in der Titelrolle erscheint, deren Koloratursopran außerordentliche Qualität(en) besitzt, so ist es spätestens in der ersten Szene des zweiten Akts um den Zuhörer geschehen. Anna Nekhames singt dieses Solo, in dem Melusine die Trauerweiden, den Klee und sogar den Salbei auffordert zu weinen, dem forellenartig sprudelnden Bach prophezeit, man werde seine Stimme ersticken, dem Himmel, dass seine Dämmerungen entfärbt würden, und schließlich der Erde zuflüstert, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 58
von Jürgen Otten
Eine Oper wollte die Komponistin Rebecca Saunders eigentlich nie schreiben. Nun hat sie es doch getan und an der Deutschen Oper Berlin mit «Lash – Acts of Love» ein Stück präsentiert, das auf der Opernbühne neue Wege einschlägt. Handlung? «Ganz profan gesagt, geschieht wenig. Eine Frau, die in vier Frauen aufgeteilt ist, oder besser: in vier Facetten ihrer selbst,...
Herr Metzger, am Abend vor unserem Gespräch fand die letzte Vorstellung von Charles Tournemires Oper «Le petit pauvre d’Assise» in Ulm statt. Wie war die Reaktion des Publikums, war dieses unbekannte Werk gut besucht?
Gestern hatten wir knapp über 70 Prozent Platzausnutzung, das ist sehr anständig für so ein Projekt. Was die Wirkung auf unser Publikum betrifft: Ein...
Das Opernhaus Zürich ist «Opernhaus des Jahres». Aktuell. Vielleicht muss man aber weit zurückgehen, um dieEigenheit dieses Hauses zu begreifen. Etwa in die Corona-Zeit. Es ist der Herbst 2020. Abstandsregeln machen in Deutschland Aufführungen nahezu unmöglich. Am Zürichsee ist man da entspannter, ins Opernhaus dürfen 900 von potenziell 1150 Gästen, aber das ist...
