Schrecklich gut gemeint
Die Grenzen dessen, was Singen sein kann, zieht der landläufige Opernbetrieb eher eng. Wer abseits der europäischen Hochkultur erfahren will, was außerhalb Europas oder außerhalb der Kunst als schöner oder ausdrucksvoller Gesang gilt, konnte in den vergangenen Jahren bei den Internationalen Festspielen in Bergen mitreißende Erfahrungen machen. An der norwegischen Westküste zeigte man sich stets gastlich für den inner- wie außereuropäischen Exotismus bei der Stimmbildung.
Der georgische Männerchor «Rustawi» beispielsweise stellte dort im Jahr 2012 einen Vokalklang vor, der sich an der Bläserintonation von Tierhörnern oder Doppelrohrblatt-Instrumenten orientierte und reich war an farbig abreißenden Apokopen. Großartige Sängerinnen wie Benedicte Maurseth, Berit Opheim Versto und Åsne Valland Nordli haben alte Gesangstechniken der norwegischen Bauernkultur verinnerlicht und dabei den Klang der Hardangergeige, aber auch dörflicher Pfeifen und Flöten auf ihre Stimmen übertragen. Das Vokalensemble «Nordic Voices» beherrscht sogar den chorischen Obertongesang, bei dem jeder Sänger über einer tiefen Grundschwingung durch variable Stellung der Mundhöhle aus der Basisfrequenz eine ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jan Brachmann
Vorbei sind die Zeiten, in denen einst klingende Namen wie Antonio Caldara und Leonardo Vinci allenfalls einigen Spezialisten oder besonders leidenschaftlichen Liebhabern der Barockoper vertraut waren. Vor einigen Jahren hat etwa Philippe Jaroussky mit seinem Album «Caldara in Vienna» nachdrücklich auf den großen Wiener Hofkomponisten des frühen 18. Jahrhunderts...
Es ging ziemlich rund mit Webers «Freischütz» beim Grazer «Ring-Award», und manchen am Gewohnten hängenden Opernbesucher fuhr die Wilde Jagd ganz schön um die Ohren. Gefordert war im Finale die schlüssige szenische Gestaltung des zweiten Akts. Wobei die beiden mit internationalen Theaterexperten gespickten Jurys sich einhellig für die Version von Verena Stoiber...
Kurz vor der Uraufführung seines «Wölfli-Liederbuchs» meldete sich Wolfgang Rihm mit einer Bitte an die Interpreten zu Wort: Die sieben Stücke sollten «in dynamische Extreme» geführt werden; «wenn dasteht fffpppfff, ist das physische Zuckung ... Ich stelle mir das Ganze vor: karg und glühend, eisig heiß, winterlich ohne Naturbild». Was der damals (1981) 29-Jährige...
