Schrecklich gut gemeint
Die Grenzen dessen, was Singen sein kann, zieht der landläufige Opernbetrieb eher eng. Wer abseits der europäischen Hochkultur erfahren will, was außerhalb Europas oder außerhalb der Kunst als schöner oder ausdrucksvoller Gesang gilt, konnte in den vergangenen Jahren bei den Internationalen Festspielen in Bergen mitreißende Erfahrungen machen. An der norwegischen Westküste zeigte man sich stets gastlich für den inner- wie außereuropäischen Exotismus bei der Stimmbildung.
Der georgische Männerchor «Rustawi» beispielsweise stellte dort im Jahr 2012 einen Vokalklang vor, der sich an der Bläserintonation von Tierhörnern oder Doppelrohrblatt-Instrumenten orientierte und reich war an farbig abreißenden Apokopen. Großartige Sängerinnen wie Benedicte Maurseth, Berit Opheim Versto und Åsne Valland Nordli haben alte Gesangstechniken der norwegischen Bauernkultur verinnerlicht und dabei den Klang der Hardangergeige, aber auch dörflicher Pfeifen und Flöten auf ihre Stimmen übertragen. Das Vokalensemble «Nordic Voices» beherrscht sogar den chorischen Obertongesang, bei dem jeder Sänger über einer tiefen Grundschwingung durch variable Stellung der Mundhöhle aus der Basisfrequenz eine ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jan Brachmann
Hasst der Regisseur die Musik? Hadert er mit diesem Zwitterstück, das weder Oper noch Oratorium ist? Das Hector Berlioz als légende dramatique bezeichnete, das 1846 konzertant uraufgeführt, aber erst 1893, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Komponisten, an der Pariser Opéra comique in Szene gesetzt wurde? Man könnte das meinen, wenn man sieht, wie der...
Das schrägste, schmierigste, schaurig-schönste Faktotum dieser «Erzählungen» ist der schlaksige Weißkittel, Doktor Spalanzani. Irgendwo treibt er sich immer herum auf der Bühne des Teatro Real. Manchmal schiebt er eine abgedeckte Leiche quer durch die ranzige Halle, in deren Mitte Aktmodelle für ergraute Eleven posieren, die mit dem Kohlestift die Zeit totschlagen....
Der Komponist Manfred Gurlitt (1890-1972) vertonte fast gleichzeitig mit Alban Berg den «Woyzeck» von Büchner, der damals noch Wozzeck hieß. Das gelang ihm vorzüglich, weil er sich eng an die Vorlage hielt. Später vertonte er auch die «Soldaten» von Lenz. Das misslang aus dem gleichen Grund: Er hielt sich zu eng an die Vorlage. «Die Soldaten» – das ist die...
