Schaum der Jahre
Blumentapete? Die Marschallin hält in stilisiert neoklassizistischen Gemächern Hof. So könnte heute ein Design-Hotel aussehen. Die pastellfarbenen Wände tragen großformatige Lilien – ein Adelssignet. Sophies Zimmer hat Paul Steinberg ebenfalls floral dekoriert, diesmal bürgerlicher, Richtung Jugendstil. Blumen auch im Beisl: ein psychedelisches 60er-Jahre-Muster. Der Bühnenbildner übersetzt die halb ironische, halb verklärende Nostalgie des «Rosenkavalier» in Retro-Schick.
Ein goldenes Waschbecken? Nein, allerdings steht Kate Royal, die Marschallin, am Anfang nackt in der Wanne und duscht. Müssen die Sänger sich verrenken? Eher nicht, ein paar quasi-choreografische Momente gibt es aber schon. Aufzuspringen und laut «Bingo!» zu rufen, weil typische Charakteristika einer Richard-Jones-Inszenierung zu finden sind, verkneifen wir uns: So etwas scheint einfach nicht angebracht auf diesem prachtvollen Anwesen, wo ein strenger Dresscode gilt, wo man sich in der Pause jederzeit das neueste Equipment des weltgewandten Profi-Picknickers vorführen lassen und – vorausgesetzt, man schaffte es von einem Beet zum anderen, ohne mit den High Heels im Rasen stecken zu bleiben – allerorten ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Wiebke Roloff
Der Laden sieht ziemlich schäbig aus: schmuddelig-gelbliche Wän- de, billiges Mobiliar, überall Müll auf dem schachbrettartigen Boden. Und an der dürftigen Theke, hinter der trostlose Kacheln giftgrün schimmern, fehlt selbst das, was sonst in jeder italienischen Bar zu finden ist: die Kaffeemaschine. Einzig der neon-leuchtende Schriftzug im Obergeschoss zeugt...
Als eine Art pièce de résistance gilt Brittens «Billy Budd» innerhalb der opernaffinen Queer-Community. Der «schöne Matrose», der alle Bewunderung an Deck eines Kriegsschiffs auf sich zieht, wird gern als Bild latent homosexueller Arbeits- und Lebenszusammenhänge gedeutet. Und entspricht so möglicherweise sogar den Intentionen des Komponisten (dessen Lebenspartner...
Alles auf Anfang. Es ist, als werde in Zürich die Erfindung der Oper anhand eines der frühesten Exemplare des Genres nachgestellt. Stockdunkel das Haus. Aus der Düsternis heraus beginnt eine der drei Chitarronen, die zuvor riesenhaft aus dem Graben auf die Bühne ragten, zu fantasieren. La Scintilla, diesmal nur 16 Köpfe stark, tastet sich – immer noch kein Licht –...
