Schachmatt
Einen Moment gibt es an diesem merkwürdig übersteuerten Abend, da kehrt das Stück plötzlich zu sich selbst zurück: Akt vier, erste Szene. Soeben und parallel zum «Patria opressa!»-Chor, haben die Schergen des Königs die drei Kinder von Macduff hinterrücks erschossen und seiner Ehefrau brutal die Kehle durchgeschnitten, da tritt der darob in seiner Existenz erschütterte Vater und Gatte in die Mitte der Bühne, von der Live-Kamera eingefangen und vom Volk betrauert, und singt seine des-Moll-Klage «Ah, la paterna mano».
Und nicht nur die herzerweichende Intensität, mit der Andrei Danilov dieses weltentrückte Adagio aufwärmt, ist es, die uns berührt und zum eigentlichen Kern von «Macbeth» führt, es ist vor allem jene Ausweg -losigkeit, aus der Verdis Musik den Gepeinigten nach und nach befreit, indem sie ihn behutsam in Dur-Gefilde sich vortasten (und mit dem «heses» auf dem Wörtchen «braccia» einen der seltensten Töne der gesamten Musikliteratur anstimmen) lässt, hin zur Hoffnung, hin zur Gewissheit, dass diese wahnsinnige Tat gebüßt werden muss.
Den Menschen als Bestie zu zeigen, würde ja genügen, um diese Shakespeare-Oper in die richtigen Bahnen zu lenken. Schließlich geht es hier ...
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Opernwelt Januar 2025
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Jürgen Otten
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Am Abend des Jahres 1837 ging an der Pariser Oper der Tenorgesang eine freundliche Allianz mit der Athletik ein. Und zwar dank Gilbert Louis Duprez als Melchthal in Rossinis «Guillaume Tell»: In der Arie «Asile héréditaire» schleuderte er ein ut de poitrine, ein aus dem Brustregister gestemmtes hohes C, in den Raum wie ein Hammerwerfer sein Gerät. Es war quasi die...
