Salz in des Narren Wunden

Verdi: Rigoletto Paris / Opéra Bastille

Opernwelt - Logo

Das erste Bild ist vielversprechend. Rigoletto, das aufgeschminkte Clownsgesicht verzweifelt verzogen, trägt ­einen Karton vor sich her. Er bewahrt darin Kleidungsstücke auf, die ihn an die durchgemachte Tragödie erinnern. Auf der Bühne der Opéra Bastille läuft die Handlung nämlich als Rückblende ab: Die Ereignisse, die einst Rigolettos Seele versehrten, werden wieder hochgespült. Das Bühnenbild entpuppt sich selbst als riesenhafte Pappschachtel. Das ist nicht nur clever. Sondern auch typisch für Claus Guth, der gern von inneren Vorgängen ausgeht.



Leider bleibt die Entwicklung dieser Idee bald auf der Strecke: Ein einzelner guter Einfall genügt eben nicht. Fehlte es dem Regisseur an Zeit? Arbeitet Guth, wie so mancher erfolgreicher Kollege, an zu vielen Aufträgen gleichzeitig, so dass kaum Raum bleibt, um in neuen Bahnen zu denken? Ob Videoprojektionen (Gilda erscheint als Kind, das Rigoletto gern am Erwachsenwerden hindern würde), ironische Anspielungen (zu «qual piuma al vento» tauchen Revue-Tänzerinnen mit Federboas auf, «wie Federn im Wind» eben) oder das von Guth immer wieder gewählte Verfahren, die Hauptfigur mit einem Schauspieler zu verdoppeln: All das wirkt hier abgenutzt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Christian Merlin

Weitere Beiträge
Lochnummer

Was ist eine Abenddämmerung im Frühling anderes als eine Vielzahl unvollendeter Geschichten?» Selten hat ein Dichter die Verwirrung des Geistes durch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und die Melancholie des Unvollendeten so poetisch-treffend beschrieben wie Bruno Schulz, der Autor und Maler aus dem ostgalizischen Drohobycz. In seinem Buch «Die Zimtläden», das...

Editorial

Bald ist es wieder so weit. Das Budapest Festival Orchestra (BFO) hat zur großen Tanz-Party auf den Heldenplatz geladen. Rund 500 Kinder aus allen Teilen Ungarns will Iván Fischer, der das Orchester 1983 gemeinsam mit Zoltán Kocsis gründete, am 3. Juni in der Hauptstadt begrüßen. Die meisten kommen aus armen Familien, aus strukturschwachen Landstrichen, die es...

Kontrollierte Ekstase

Giuseppe Verdi, nach dem «Falstaff» als größter lebender Komponist angesprochen, soll darauf ­geantwortet haben: «Lassen Sie den großen Komponisten beiseite, ich bin ein Theatermann!» Als Carlo Maria Giulini und Claudio Abbado, zwei der profiliertesten Verdi-Dirigenten ihrer Generation, «Rigoletto» (1979) respektive «Un ballo in maschera» (1980) für die Deutsche...