Russlands Seele
Der Feind kann Russland nicht brechen», dröhnt es einem auf der Zielgerade entgegen, normalerweise jedenfalls. Und: «Wir schmettern den Feind in den Staub.» Selbst ohne tägliche «Tagesschau»-Dosis sind diese letzten Minuten schwer erträglich, Sergej Prokofjew lässt hier Chor und Orchester heiß- und leerlaufen. An der Bayerischen Staatsoper dröhnt die Stelle auch, aber kein einziges Wort ist zu vernehmen.
Eine große Banda ist aufmarschiert und übernimmt jenen Chorpart, mit dem nicht nur der Sieg über Napoleon gefeiert wird, sondern auch (und zum Wohlgefallen Stalins) der über den braunen deutschen Diktator.
Dass die Nummer überhaupt erklingt, ist ein kleines Wunder. Vor einem Jahr, als Stalins später Nachfahre die Ukraine angriff, stand «Krieg und Frieden» auf der Kippe. Regisseur Dmitri Tcherniakov wollte in München alles hinwerfen, ließ sich aber von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski und Intendant Serge Dorny zum Festhalten am monströsen Zweiteiler überreden. Man griff zum Operationsbesteck, kürzte, amputierte, auch das Regiekonzept wurde geändert. Ein durchaus legitimer Vorgang, da Prokofjew bekanntlich zwar 13 Bilder hinterließ, aber keine letztgültige Fassung. Im Münchner ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Markus Thiel
Das Licht geht aus, wie von Geisterhand setzen sich die Tasten des Flügels in Bewegung. In der Mitte des Raumes beginnt sich die kreisförmige Zuschauertribüne um die eigene Achse zu drehen. Langsam fährt das verblüffte Publikum an Podesten vorbei, auf denen mehrere Sängerinnen und Sänger in blau leuchtenden Perücken hinter halbdurchsichtigen Gaze-Schleiern sitzen –...
Wenn dies auch Tollheit ist, hat es doch Methode», scheint mit Shakespeares «Hamlet» die Devise dieser Aufführung zu sein. «Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro» heißt (übersetzt) der Titel von Beaumarchais’ aufrührerischer Komödie, die Mozarts und Da Pontes Oper zugrunde liegt. In Barbora Horá-kovás Inszenierung, die das Nationaltheater Mannheim im...
Also sprach Zarathustra: «Orlando, geh’ dahin und werde ein Held auf dem Feld der Ehre! Sei wieder der Krieger, der du einmal warst, vergiss die Liebe, sie hält nur von den wesentlichen Dingen ab und dauert ohnedies nicht an.» Gut gesagt. Allein, was hilft es, wenn einer verrückt ist, verrückt nach den Frauen oder besser: nach einer bestimmten Frau. Selbst der...
