Reisen ins Innere

Solo-Performances im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Opernwelt - Logo

Einmal im Kreis laufen kann eine Reise zu einem fernen Ort bedeuten, ein kurzes Kopfnicken das Ende eines langen Schlafes anzeigen. Das chinesische Theater hat Bewegungen und Gebärden wie diese über Generationen entwickelt und bewahrt. Bertolt Brecht hat es bewundert. Oder präziser: Weniger die Techniken der Beibehaltung als jene der Veränderung des Ausdruckskanons interessierten ihn. Das Faszinosum war die Unbedingtheit, das Alte zu können und es zugleich «mit Aplomb» fallen zu lassen, um ästhetisch Aufruhr zu erregen.

Wenn also Wu Hsing-Kuo im Berliner Haus der Kulturen der Welt seine Maske und den mächtigen Umhängebart abnimmt, wenn er das Herrscherkleid abstreift, dann ist das so ein Moment, der mit der Konvention bricht. Er, der gerade noch «King Lear» gewesen ist, fragt plötzlich: Wer bin ich?
Europäer sollten von dem Regelwerk des chinesischen Musiktheaters zumindest wissen. Andernfalls bleiben sie halb blind für dessen Imaginationen und halb taub für die absichtsvollen Frakturen der Tradition. Wu Hsing-Kuo erleichtert den Zugang, indem er das hiesige Publikum im eigenen Kulturerbe abholt. Denn nicht zu übersehen ist, dass der Theaterleiter aus Taipeh vertrauten Umgang mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2006
Rubrik: Thema, Seite 43
von Frank Kallensee

Vergriffen
Weitere Beiträge
Spitzentöne aus der Pappkulisse

Das Internet spricht eine deutliche Sprache. Wer sich ein paar Tage nach dem Tod von Birgit Nilsson und Anna Moffo etwa auf der Seite www.youtube.com einklickte, der fand dort nicht nur wunderbare Videoclips diverser lange verstummter Belcanto-Größen von Ettore Bastianini bis Zinka Milanov, sondern ebenso von trauernden Fans frisch hi­nein­gestellte TV-Ausschnitte...

Jahrmarkt der Beliebigkeiten

Unübersichtlich fast wie die Berlinale, bunter als die Internationale Tourismusbörse: So erwirtschaftete sich «MaerzMusik», das «Festival für aktuelle Musik», in fünf Jahren einen Stammplatz in der Berliner Festivallandschaft. Die Konzepte scheinen beliebig. Doch gerade das wirkt in der verknöcherten Neuen Musik fast als Befreiungsschlag. Die Auslastung stimmt, im...

Rimsky-Korsakow: Der goldene Hahn

Märchenoper oder politische Parabel? Man ist sich weitgehend einig, dass Rimsky-Korsakow mit der Geschichte vom selbstherrlichen König Dodon das zaris­tische System seiner Zeit treffen wollte. Aber lässt sich das Werk deshalb so mir nichts, dir nichts auf jede andere Regierung übertragen? Andreas Baesler hat in Oldenburg sein Inszenierungskonzept auf die...