Reisen ins Innere
Einmal im Kreis laufen kann eine Reise zu einem fernen Ort bedeuten, ein kurzes Kopfnicken das Ende eines langen Schlafes anzeigen. Das chinesische Theater hat Bewegungen und Gebärden wie diese über Generationen entwickelt und bewahrt. Bertolt Brecht hat es bewundert. Oder präziser: Weniger die Techniken der Beibehaltung als jene der Veränderung des Ausdruckskanons interessierten ihn. Das Faszinosum war die Unbedingtheit, das Alte zu können und es zugleich «mit Aplomb» fallen zu lassen, um ästhetisch Aufruhr zu erregen.
Wenn also Wu Hsing-Kuo im Berliner Haus der Kulturen der Welt seine Maske und den mächtigen Umhängebart abnimmt, wenn er das Herrscherkleid abstreift, dann ist das so ein Moment, der mit der Konvention bricht. Er, der gerade noch «King Lear» gewesen ist, fragt plötzlich: Wer bin ich?
Europäer sollten von dem Regelwerk des chinesischen Musiktheaters zumindest wissen. Andernfalls bleiben sie halb blind für dessen Imaginationen und halb taub für die absichtsvollen Frakturen der Tradition. Wu Hsing-Kuo erleichtert den Zugang, indem er das hiesige Publikum im eigenen Kulturerbe abholt. Denn nicht zu übersehen ist, dass der Theaterleiter aus Taipeh vertrauten Umgang mit ...
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