Realgeschichte und Romantik

«Hunter’s Bride»: Jens Neubert hat aus Webers «Freischütz» eine große Filmoper gemacht – unter dem Pulverdampf sächsischer und französischer Kürassiere

Ort und Zeit: Böhmen, kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. So steht es jedenfalls in Friedrich Kinds Libretto. Anders auf der Leinwand, da heißt es: Dresden, 1813. Überhaupt ist einiges anders in der Filmoper von Jens Neubert, die sich aus guten Gründen nicht einfach «Freischütz» nennt, sondern marktgerecht «Hunter’s Bride». Das einstige Kreuzchor-Mitglied spielt damit nicht allein auf den Titel an, den das dreiaktige Werk ursprünglich nach dem Willen seines Schöpfers hätte tragen sollen.

Er rückt auch die «Jägerbraut» wieder mehr ins Blickfeld des Betrachters, indem sie das «Vorspiel» zur Tragödie gleichsam am eigenen Leib erlebt: Von einem herabstürzenden Bild schwer getroffen, erwacht sie aus einem bösen Traum – traumatisiert in jeder Hinsicht.

Kein Wunder, die Zeiten sind unruhig. Noch hat Napoleon das Sagen, und es ist denn auch der Franzosenkaiser, der in einer späteren Szene den Vertretern Sachsens die Verträge diktiert. Von Frieden keine Spur. Immer wieder kommt es zwischen den gegnerischen Kompanien zu  Kämpfen, und während Daniel Harding aus dem Off die Ouvertura dirigiert (mit vollem Körpereinsatz, wie man dem «Making of»-Material entnehmen kann), entwirft Neubert ...

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Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Hartmut Regitz

Vergriffen
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