Präzisionsarbeit
Das Frontispiz der ein halbes Jahr nach ihrer Uraufführung 1906 erschienenen Partitur des korsischen Vendetta-Dramas «L’Ancêtre» zeigt die Titelfigur von Saint-Saëns’ vorletzter Oper mit Stiefeln, Lendenschurz, überdimensionaler Flinte und kühn zurückgeschobenem Kopftuch in karger Macchia-Landschaft. Sie ist die Ahnin eines durch die Logik der Blutrache schon fast völlig ausgelöschten Clans, die auf ihren letzten Schuss wartet. Mit ihm wird sie nicht den unbekümmert kühnen Tébaldo aus dem feindlichen Clan, sondern die letzte ihr verbliebene Enkelin Vanina treffen.
1914 aber gibt Saint-Saëns’ Librettist Lucien Augé de Lassus seiner geistreichen Monographie des Komponisten ein anderes Bild der bis zum Ende unkorrigierbar bösen Alten bei. Eine Terrakotta-Maquette des heute vergessenen Bildhauers Denys Puech zeigt sie als heroische römische Matrone oder gar Priesterin mit zum Fluch erhobener Rechten. So muss (die Bildlegende sagt es) die große dramatische Sopranistin Félia Litvinne bei der Uraufführung in Monte Carlo, zumindest im zweiten Akt, erschienen sein. Große heroische Oper alten Zuschnitts gegen Verismo. Aber sind das wirklich Gegensätze?
Neben den antiken (Titel-)Heldinnen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2025
Rubrik: Medien, Seite 35
von Klaus Heinrich Kohrs
Ein angenommenes Vergessen der Geschichte, so beschreibt es der Philosoph und Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer, sei nicht ein Fehler des individuellen oder kollektiven Gedächtnisses, sondern gehöre vielmehr unmittelbar zum Prozess unseres Verstehens dazu. Erst das Spannungsfeld zwischen Vergessen und Erinnern ermögliche es uns, das eigene Denken in ein Verhältnis...
Ob Birgit Nilsson herzlich lachend und mit einem ironischen Kommentar ihr Einverständnis gegeben hätte, dass es nun auch einen Wein gibt, der ihren Namen trägt? Wir wissen es nicht. Nur eines ist gewiss: Der seit wenigen Jahren auf den fruchtbaren heimatlichen Böden der Bjäre-Halbinsel wachsende Weißwein prägt so tiefe Wurzeln aus wie die Hochdramatische selbst,...
Der Kaiser ist, Gott sei’s gelobt, nicht nackt. Aber man hat ihm eine neue Rolle zugedacht. Er darf den Frosch in der «Fledermaus» spielen, und, seltene Ehre, das Entrée gestalten. In seiner stattlichen Uniform sieht Alexander Strobele aus wie ein strubbeliges Relikt aus glanzvoll-absolutis -tischen Zeiten, und eben jene beklagt er nun, wissend, dass sie vorbei...
