Pluralistischer Zeitgeschmack

Hundert Jahre waren sie eingemauert, nun sind die phonographischen Hinterlassenschaften aus dem Palais Garnier auf CD erhältlich

Opernwelt - Logo

Ein erstaunliches Ritual ereignete sich am 24. Dezember des Jahres 1907 in einem unter-irdischen Gewölbe des Palais Garnier, der Pariser Opéra: Eine Gruppe vornehm gekleideter Würdenträger deponierte dort an entlegener Stelle zwei topfartige Gefäße, in die man 24 Schallplatten mit Aufnahmen bekannter Sänger und Instrumentalisten dieser Zeit versenkt hatte, «Urnen», die erst nach 100 Jahren wieder geöffnet werden sollten. Zwei weitere Gefäße wurden 1912 hinzugefügt, dazu noch ein Grammophon samt Gebrauchsanleitung und einigen Abspielnadeln – klingende Botschaften an die Nachwelt.


Zwei Ziele verfolgte man – offiziell – mit dieser bemerkenswerten Aktion: Zum einen wollte man den Stand der Aufnahmetechnik im frühen 20. Jahrhundert dokumentieren, zum anderen sollte die Auswahl der Aufnahmen vor allem eine Bestandsaufnahme der besten Sänger der Zeit und ihrer Interpretationen sein. Ein weiteres – inoffizielles – Ziel bestand in dem Werbeeffekt der Aktion, die der Stifterin der Schallplatten, der Grammophone Company, eine außerordentliche Beachtung in der Öffentlichkeit bescherte.
Vor zwei Jahren ist die Hundertjahresfrist abgelaufen, und man hat sich im Keller der Opéra der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2009
Rubrik: Medien/CDs, Seite 31
von Thomas Seedorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im falschen Film

«Lohengrin» hat gegenwärtig Konjunktur (siehe OW 5/2009). Zwischen den beiden Extremen, Stefan Herheims überbordender und das Stück wohl auch überfordernder Assoziationsfülle in Berlin und Stanislas Nordeys visionärer Askese (oder was davon in Stuttgart übrig blieb), hat sich Jens-Daniel Herzog in Frankfurt für den Mittelweg, die realistische, die psychologische...

Abschied mit Ödipus

Die meisten Menschen unterscheiden mühelos zwischen rituellem Theater (wie es etwa im alten Griechenland oder in entlegenen indischen Dörfern existiert/e) und der zeitgenössischen Kulturindustrie Europas oder Amerikas. Der Regisseur Peter Sellars lässt diese Unterscheidung nicht gelten. Anlässlich der Abschiedsfeierlichkeiten der Los Angeles Philharmonic für ihren...

Nahaufnahme

Schon der Begriff «Nowosibirsk» gilt im deutschsprachigen Raum als Synonym für das Ende der Welt. Umso erstaunlicher, dass eine Opernproduktion, die in Sibirien aus der Taufe gehoben wurde, bei ihrer Premiere an der koproduzierenden Pariser Bastille-Oper deutlich frischer, unkonventioneller und gegenwartsnäher daherkommt als der mitteleuropäische Mainstream.
Macbeth...