Paare, Passionen und Passanten
Die Wirklichkeit ist eine (im besten Sinne) merkwürdige Angelegenheit. In jeder Sekunde tauchen wir in sie ein, nur wähnend, was uns in ihren Tiefen erwartet, was sie uns entgegenbringt, ja: woraus sie grundlegend besteht und als was wir dieses Grundlegende deuten dürfen. Wir definieren Wirklichkeit und müssen doch zugestehen, dass dies wenig nützt, weil die Wirklichkeit so wandelbar ist wie ein Chamäleon – und weil sie es letztlich ist, die uns beherrscht.
Insofern stimmt die Kombination der beiden Stücke, die Verena Stoiber am Staatstheater Mainz gewählt hat (sieht man einmal davon ab, dass eines eine mittelalterliche Legende zum Vorbild hat und das andere im Kalabrien des späten 19. Jahrhunderts angesiedelt ist). In Puccinis Debüt «Le Villi» von 1884, dem ersten Bühnenwerk aus dem Geiste des stile mascagnano, sind es die titelgebenden Feenwesen, deren magische Kräfte einen treulosen Mann seinem (tödlichen) Schicksal zuführen; in Leoncavallos Dramma in due atti «Pagliacci», das für gewöhnlich mit Mascagnis «Cavalleria rusticana» zum veristischen Doppel verschweißt wird, ist es das Theater selbst, das seine Funktion aufgibt, von der Wirklichkeit überrumpelt wird und schließlich ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Jürgen Otten
Sein oder Nichtsein, das ist hier zunächst nicht die Frage. Jedenfalls nicht die allesentscheidende. Man muss schon etwas (und aufmerksam) weiterlesen in Hamlets berühmtem, meist unzulässig verkürzt verstandenen Monolog zu Beginn des zweiten Aufzugs von Shakespeares Drama, um wirklich zu verstehen, was den Dänenprinzen umtreibt, was ihn quält, was ihn zum...
Georg Friedrich Händels Oratorium «Hercules» kam 1745 am Londoner King’s Theatre zur Uraufführung, wo der große Hallenser – mal mit Erfolgslorbeeren bedacht, mal von Konkurrenz und blöden Zufällen geplagt – gewirkt hatte. Das King’s Theatre ist längst tot (seit 1986 läuft dort ausschließlich «The Phantom of the Opera»), der frisch in der Westminster Abbey gekrönte...
Einer derjenigen, die entdecken, die forschen, schürfen. Einer von denen in der Welt des Musiktheaters, die nicht «loslassen» können, wenn es um Unerforschtes, um Unentdecktes, genauer: um Opern und Opernstoffe geht, die am Rande des manchmal so einfallslos das Immergleiche aufbietenden Repertoires ihr Dasein fristen. Das war Andreas K. W. Meyer.
Meyer, im Juni...
