Oper für Musiker
Der erste Gedanke, wenn man diese Oper hört: Enescu kann alles! Aber er kann es nicht nur aus traumwandlerisch sicherer Beherrschung des Metiers, sondern aus tiefer Einsicht in die musikalische Praxis. Enescu war, wie historische Aufnahmen belegen, ein begnadeter Geiger, ließ im Trio mit Alfredo Casella und Louis Fournier oder in seinem Streichquartett die Kammermusik atmen, stand als Dirigent vor den Berliner und New Yorker Philharmonikern (die er 1936 beinahe von Toscanini als Chefdirigent übernommen hätte).
All diese Erfahrungen aus der Praxis flossen in seine einzige Oper «Œdipe», eine Variante des Ödipus-Mythos, ein. Sie beschäftigt ein großes Orchester – inklusive einer Singenden Säge für das Porträt der thebanischen Sphinx als zugleich geisterhaftes und halbseidenes Wesen (damals war Marlene Dietrich als Virtuosin auf der Säge berühmt). Aber diese Partitur ist, wenn der Dirigent und die Hausakustik das unterstützen, perfekt austariert zwischen pathetischer Klangentladung – schließlich spielt man griechische Tragödie! – und kammermusikalischer Intimität. Enescus musikalische Fantasie, mit der er diese Ebenen zum großen vieraktigen Drama schichtet, ist enorm. Raffiniert ...
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Opernwelt Dezember 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Michael Struck-Schloen
Das «Opernhaus des Jahres» hat sich zum Saisonstart etwas einfallen lassen: George Enescus
«Œdipe» ist ein aufwändiges Stück, das seine Zuschauer und Zuhörer keinesfalls sofort umarmt. Entsprechend selten sind die Aufführungen. La Monnaie in Brüssel wagt eine Neuproduktion. Seltene Koinzidenz in Baden-Württemberg: In Karlsruhe und Stuttgart sind mit dieser Spielzeit...
Wie im richtigen Leben, so gibt es auch im Opernleben, gottlob, nicht nur böse Überraschungen. So hätte ich nie erwartet, dass ausgerechnet dem Opernberserker Calixto Bieito, den Uwe Schweikert in seinem Essay für das aktuelle «Opernwelt»-Jahrbuch mit gutem Grund ins Visier genommen hat, die dichteste und spannungsreichste Inszenierung der «Carmen» gelingen würde,...
Sicher, Verdis effetto ist da. Aber es ist doch ein recht manierlicher Sturm, der da durchs Zürcher Opernhaus tobt. Unsere Nachmittagsvorstellung des «Otello» nimmt erst allmählich Fahrt auf, dann jedoch gewaltig. Daniele Gatti, Chefdirigent für überschaubare drei Jahre, scheint sich immer mehr zu entfalten. Ist die Intrigenmine erst mal losgetreten, wird Giuseppe...
