Ohne Worte
Sprachskepsis ist ein Grundmotiv der Moderne. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach sich das Misstrauen in die Zuverlässigkeit des Wortes und der Rede Bahn: In seinem berühmten «Tractatus logico-philosophicus» (1918) versuchte Ludwig Wittgenstein zwar noch, formale Bedingungen für den wahren Gebrauch der Sprache zu definieren, doch der letzte, bilanzierende Satz offenbarte schonungslos die Grenzen des Unternehmens: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
» Eine prophetische Devise, die bald nicht zuletzt in Literatur und Theater widerhallen sollte, exemplarisch im Werk Samuel Becketts. Der Witz, die Tragik und die Poesie dieses Œuvres gründen darin, dass Beckett die Spielregeln der Semantik außer Kraft setzt, das scheinbar Vertraute ins Sinnlose, Absurde, Groteske verkehrt, um seine Mittel später kontinuierlich zu reduzieren. Dass am Ende das Verstummen steht (eine leere Bühne ohne Darsteller, ohne Worte), liegt im Wesen der Sache: das Schweigen als letzte Konsequenz des unmöglich gewordenen «reinen» Sprechens.
Auch in der neueren, zumal experimentellen Musik werden kommunikative Mechanismen immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Die an den Rand des ...
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