Im Schatten blut’ger Mädchenblüte

Ergreifend: die Uraufführung von Vito Žurajs Musiktheater «Blühen» auf ein Libretto von Händl Klaus an der Oper Frankfurt

Opernwelt - Logo

Manchmal ist die Liebe wie Fallobst. Plumpst unerwartet (und doch seit langem ersehnt) direkt vor unsere Füße, und eine bange Sekunde lang fragt man sich, ob man dieses Obst überhaupt aufheben sollte, oder ob dieses nicht vielleicht sich selbst, gleichsam hegelianisch, «aufhebt» und in die Lüfte entschwebt. Zu groß ist das Erstaunen über seine Existenz (und Essenz), über die Saftigkeit, Sinnlichkeit und Schönheit des Gegenstands, wie er da liegt, leise lächelnd.

Rosalie von Tümmler erlebt diesen Augenblick in Thomas Manns letzter Erzählung «Die Betrogene» aus dem Jahr 1953, und sie wird überwältigt von der Tatsache, dass die Natur der Liebe ausgerechnet an sie, die 52-jährige Frau, gedacht hat, dass sie (die Liebe) ihr gleichsam «widerfährt» als ein Wink des Schicksals oder Zufalls oder wie eine göttliche Fügung. Rosalie ergreift die vermutlich einzige ihr noch verbleibende Chance und wirft sich wie ein Wildfang in die Arme von Ken Keaton, dem US-amerikanischen Englischlehrer ihres Sohnes Eduard. Damit erheischt sie ein kleines, schmackhaftes Stück von der Seligkeit, nicht ahnend, dass diese von erschreckend kurzer Dauer ist. Der Tod, er lauert, hinter Bäumen verborgen, maliziös ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Bestürzend aktuell

Unter Verdis Opern der mittleren Periode, die mit dem Erfolgsstück «Rigoletto» 1851 beginnt und elf Jahre später mit der Uraufführung von «La forza del destino» endet, nimmt «Il trovatore» schon allein deswegen eine Sonderstellung ein, weil zwischen dem Drama, auf dem dieses Bühnenwerk fußt, und dem Libretto, das ihm zugrunde liegt, eine eklatante Lücke klafft....

So viel Spaß muss sein

Vor Filmaufnahmen von rauschenden Wellen steht ein Betonklotz mit Kanone, darauf ein achtköpfiges Instrumentalensemble mit Sonnenbrille und Pilzkopf. Schließlich hebt sich die Leinwand und enthüllt eine mit Schaumstoff isolierte Sprecherkabine inklusive Mikrofon, darüber blinken in leuchtenden Lettern die Worte «on air». Diese kuriose Bühnenbildanordnung beruht auf...

Nur wer die Sehnsucht kennt

Das ganze Drama ist im Grunde erzählt, noch bevor viele Worte gefallen sind. Der Schmerz, die Sehnsucht (welche nur diejenigen Menschenkinder wirklich kennen, die wissen, welches Leiden mit ihr einherzugehen vermag), der Dualismus aus Liebestäuschung und -ent täuschung, die tiefsitzende Verzweiflung, das einsickernde Gift der Rache – alles ist bereits im «Prelude»...