Nichts scheint, wie es immer war
ZUKUNFTSMUSIK
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
Zwei Frauen sitzen nebeneinander. Um sie herum stapeln sich Briefe, Fotografien, alte Unterlagen und Dinge, die einmal Bedeutung gehabt haben. Die beiden Frauen suchen nach den Spuren eines Bewusstseins, das im Begriff ist, sich aufzulösen. Es sind Ellen und ihre erwachsene Tochter Ilse. Ellen hat Alzheimer. Die Sache wird noch komplizierter, als Ellen sich in den langjährigen Familienfreund Owen verliebt und dafür Ehemann Curtis verlassen will.
Hans Thomallas neue Oper «Dark Fall» stellt schwierige Fragen: Wo enden Autonomie und Selbstbestimmung? In wessen Interesse wird gehandelt und wer handelt überhaupt? Wer oder was bestimmt darüber, ob ein Mensch sich verlieben darf? «Dark Fall» erzählt die Geschichte einer Familie in einer Extremsituation. Die vier Figuren der Oper begegnen sich in alltäglichen Situationen, die immer wieder auch in Momente von Leichtigkeit und Komik umschlagen. Das Libretto zu «Dark Fall» hat der Komponist gemeinsam mit der Dichterin und Sprachwissenschaftlerin Juliana Spahr sowie dem Schriftsteller und Journalisten Joshua Clover geschrieben und dabei auf Motive aus Goethes «Wahlverwandtschaften» zurückgegriffen. Eingeflossen sind aber auch reale ...
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Opernwelt Februar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Cordula Demattio
Der Mann hatte viele Talente. Fast zu viele, um sich zu entscheiden. Doch Günter Henle, Nachfahre einer jüdischen Familie, die, um antisemitischen Anfeindungen zu entgehen, zum katholischen Glauben übergetreten war, machte aus der «Not» eine Tugend: Er vereinte die Begabungen und reüssierte erst als Diplomat, dann als Industrieller und schließlich als Verleger. Für...
Was hat man nicht alles versucht für den Schluss von Puccinis letzter, unvollendeter Oper, in berechtigter Unzufriedenheit über das ruppig kurze Schlussduett von Franco Alfano? Ihn neu komponieren zu lassen von Luciano Berio, dessen stilistische Gratwanderung (2002) auch nicht recht befriedigen wollte; ihn, was in jüngerer Zeit häufiger probiert wurde, ganz...
Die Schwarzweiß-Fotografie im Programmheft zeigt eine hübsche junge Frau, Frisur und Kleidung ganz im Stil der frühen 1940-er Jahre. Sie lächelt jugendlich-frisch, leicht verlegen in die Kamera, und es fällt schwer zu begreifen, dass sie nur wenige Jahre nach der Aufnahme nicht mehr leben durfte – in den Tod getrieben von Nazi-Deutschland und seinen französischen...
