Melancholie, mon amour
Am Anfang waren da nur die Töne. Töne wie Tropfen, die sich zusehends verdichteten, zu stahlummantelten, mikrotonalen Trauben. Aber schon bald kamen die Bilder hinzu, in denen sich Georg, trauriger Antiheld in Arnulf Hermanns hermetisch-verrätseltem Musiktheater «Der Mieter» (nach Roland Topors Roman «Le Locataire chimérique»), verlor: Bienek’scher Zellenbewohner, verschroben-kafkaeske Figur, verfangen im Wahn wie weiland Shakespeares König Leontes.
Und mit jeder Minute mehr, die man an diesem tief in der Erinnerung verankerten Novemberabend 2016 in der Frankfurter Oper verbrachte, verengte sich der Raum, wurde die Luft knapper, fiel das Poe’sche Pendel herab. Eine verstörende Erfahrung, die den Zuhörer gleichsam zwang, sich mit der Titelgestalt in eins gesetzt zu fühlen, ja, fast schon Teil seiner Weltinnenraumerfahrung zu werden.
Dass dieser Prozess der Metamorphose knapp zwei Stunden lang unaufhaltsam voranschritt, darin lag die große Kraft des Abends. Kunst verwandelte sich in Wirklichkeit, Wirklichkeit in Kunst. Im Grunde wusste man nicht mehr so ganz, wie man das eine vom anderen trennen sollte, weil sich die Bilder – einerseits die realen szenischen, andererseits die per ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Jürgen Otten
Eine Zeitreise verspricht Kindern eigentlich reizvolle Abenteuer und großes Amüsement, insbesondere dann, wenn sie sich in das Paris des Jahres 1860 begeben dürfen. Die Realität aber sieht anders aus: Gioachino Rossinis Schlafzimmer bietet nichts als blanken Ennui. Seit Jahrzehnten hat der «Schwan von Pesaro» kaum mehr eine Note zu Papier gebracht. Selbst am Herd...
Bianca e Falliero» ist die fünfte Oper, die der vielbeschäftigte Rossini 1819 schrieb – allerdings nicht für Neapel, wo er seit 1815 als Hauskomponist tätig war, sondern für Mailand. Stendhal hielt sie für missglückt, sie geriet schnell in Vergessenheit. Selbst prominente Rettungsversuche bei den Rossini-Festivals in Pesaro 1986 und Bad Wildbad 2015 konnten das...
In unheimlicher Größe erhebt sich der Brokeback Mountain im Bühnenhintergrund. Ein finsterer Koloss, durchzogen von klaffenden Spalten und Rissen. Die unwirtliche Bergkulisse ist in Lukas Nolls Bühnenbild in schroffem Schwarz-Weiß gehalten, wie eine Federzeichnung. Durch die Videoprojektionen von Marc Jungreithmeier wird sie auf realistische Weise lebendig und...
