Mehr als ein Event

Deutschlands kleinstes Theater beweist im Naumburger Dom mit dem Händel-Oratorium «Susanna» eminente künstlerische Kompetenz

Naumburgs Hauptdarsteller ist seit jeher der romanische Dom. Dem liebevoll renovierten, aber nur selten besuchten Nietzsche-Haus bleibt nur eine Nebenrolle. Der Philosoph verbrachte dort die Jugendzeit und dann sieben Wahnsinnsjahre in mütterlicher Obhut. Er komponierte auch; gleichwohl mochte Hans von Bülow seinen Werken nur «den Wert eines Verbrechens» zuerkennen – andernfalls könnte die Stadt mit ihrem ungeliebten Sohn wenigstens in musikalischer Hinsicht punkten. So aber bleibt es bei der kirchlichen Dominanz, die jetzt sogar noch übermächtiger wird.

Der Dechant hatte eine Opernaufführung im altehrwürdigen Dom angeregt, Naumburgs Theaterintendant Stefan Neugebauer realisierte sie. Die Wahl fiel auf Händels dramatisches Oratorium «Susanna», das sinnliche Sündigkeit bietet, ohne Tugend und Glaubensdemut zu vernachlässigen. Es fußt auf einer Geschichte aus dem Buche Daniel, die unter dem Titel «Susanna im Bade» in die Bildende Kunst Eingang fand: Zwei Lustgreise, ausgestattet mit richterlicher Autorität, beobachten und bedrängen die badende Schönheit, deren Gatte auf Reisen ist. Nachdem alle Annäherungen und ein Vergewaltigungsversuch misslingen, beschuldigen sie die ...

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Opernwelt November 2019
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Volker Tarnow