Marathonmann
Monate, ja Wochen gab es, da hatte er fast täglich zu tun. Und dies immerhin in der Schwergewichtsklasse der beiden großen Richards. Geplante Engagements, Proben, dazwischen ein schnelles Einspringen: Es schien, dass Thomas Johannes Mayer dann erst richtig aufblühte. Einfach weil er es konnte. Weil er die großen Bariton-Partien mühelos abrufen konnte, und weil er über eine wetterfeste Stimme verfügte – die im Übrigen zu diesen tragischen Figuren passte. Ein gegerbtes, stark gemasertes Material war da zu vernehmen, kein strahlendes, glanzvolles Gestalten.
Die Schicksale seiner Helden, ihre Gebrochenheit und um manchen Preis erkauften Triumphe hallten in Mayers Gesang wider.
Dieser Mann war ein Workaholic aus Hingabe. Dabei gab es auch Alarmzeichen. 2011 erlitt Mayer einen Herzinfarkt, zehn Tage danach, nachdem ihm zwei Stents eingesetzt worden waren, stand er wieder auf der Bühne. «Durch die Arbeit bekam ich die Bestätigung, dass mir das nichts anhaben kann», sagte er im persönlichen Gespräch. «Ich musste mir beweisen, dass ich es wieder schaffe.» Dabei kam Mayer, der 1969 im südhessischen Bernsheim geboren wurde, über einen Umweg zur Oper. Zunächst studierte er Geschichte und Philosophie fürs Lehramt, später Germanistik und Musik. Pädagoge, so fand er irgendwann, passte doch nicht so ganz: «Autorität als Machtmittel ist nicht mein Ding.» Bühnenerfahrung sammelte er als Popmusiker. In einer Gesangsprüfungskommission traf er auf eine Pädagogin, die ihm zum Musiktheater riet. Mayer ließ sich schnell überreden. Er studierte bei Lieselotte Hammes und Kurt Moll an der Musikhochschule Köln, sein erster Profivertrag führte ihn nach Regensburg.
Nach Festengagements unter anderem an der Hamburgischen Staatsoper riskierte Mayer den Schritt ins freie Berufsleben. Ein Unerschrockener. Der Wozzeck an der Mailänder Scala in Jürgen Flimms Regie war 2007 sein Durchbruch, später sang er dort sogar den Posa. Das deutsche Fach blieb dennoch Mayers Domäne. Sachs, Wotan, Holländer, Telramund, Amfortas, Mandryka, Jochanaan, Barak, Moses – über 90 Partien kamen da zusammen. Zu den virilen Grauwerten seiner Stimme gesellte sich die charakteristische Physiognomie. Die langen Haare, der Bart, die offensive Präsenz, das Selbstbewusstsein, dieses Mirkann-keiner: Thomas Johannes Mayer war ein Typ. Und Wagners Göttervater von Anfang an seine Partie, schon zu einem Karrierezeitpunkt, als andere nicht davon zu träumen wagten. Während seines Studiums wollte er sofort Wotans Abschied singen, die Lehrerin schlug die Hände über dem Kopf zusammen. No risk, no fun: 2005 wagte Mayer die Partie erstmals in Karlsruhe. «Ich wusste immer, warum mir diese Musik gefällt und was sie in mir auslöst. Und dass es viele Parallelen zu mir gibt.» Als die wären? «Keine weiteren Details», wie er in solchen Momenten verschmitzt zu sagen pflegte.
Als kraftvoller Singdarsteller war Thomas Johannes Mayer eine Bank. Gerade weil sich seine (Anti-)Helden nicht auf Kothurnen bewegten oder sich in stereotype Posen warfen, vertrauten die Regisseure gern auf diesen Künstler. Sein Münchner Mandryka war 2015 ein echter, sympathischer Haudrauf vom Land, ein Westernheld im Strauss-Gewand und größtmöglicher Kontrast zur aristokratischen Arabella einer Anja Harteros – und mutmaßlich zu weiten Teilen szenischer Eigenbau in Andreas Dresens lückenhafter Regie. Mayer hatte einen szenischen Instinkt für natürliche Dramatik. Selbst in komplexeren, eigenwilligen Inszenierungen fand er sich schnell zurecht. 2022 in Bayreuth etwa, als er für John Lundgren in Dmitri Tcherniakovs «Fliegenden Holländer» einsprang. Nur ein paar musikalische Abstimmungsprobleme mit Oksana Lyniv verrieten in der Generalprobe, dass da ein Neuling aktiv war. Szenisch dagegen schien es, als ob dieser Seefahrer Ergebnis eines längeren Probenprozesses war.
Bei guter Gesundheit hätte Mayer noch ewig Zeit mit seinen schweren Opernjungs verbringen können, schließlich warten auch im Karriere-Spätsommer auf einen Heldenbariton noch aparte Aufgaben. Doch im Herbst vergangenen Jahres gab es eine Mitteilung, die so gar nicht zu diesem Mann und seinem Selbstverständnis passte. Thomas Johannes Mayer sagte den Wozzeck am New National Theatre in Tokio ab. Seine Uhr war, viel zu früh, abgelaufen. Am 15. Dezember 2025, im Alter von nur 56 Jahren, ist dieser Marathonmann der Oper gestorben.
Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Markus Thiel
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