Mal ehrlich: Aus dem Leben eines Taugenichts

Opernwelt - Logo

Gestern haben wir uns ein Musical angesehen. Von mir aus wär ich wohl kaum hingegangen, aber eine Freundin hat da mitgemacht. Versteht sich von selbst, dass wir nachher auch hinter die Bühne sind, um ihr vorzuschwärmen, wie sehr wir den Abend genossen hätten. Dabei war’s schrecklich. Einfach grauenhaft – zu lang, zu platt, zu schlecht gemacht. Ich wusste es, die Freundin wusst’ es auch. Das Lächeln steif, die Stimme höher als sonst und hohl, log ich ihr mitten ins Gesicht. Macht man halt so.

Ich war nicht der Einzige.

Die Zuschauer hatten den Abend großteils im kollektiven Koma verbracht, doch kaum war die Tortur vorbei, schossen sie von ihren Sitzen hoch und jubelten den armen Affen auf der Bühne zu, als gält’s ihr Leben. Macht man halt so im Musical.

Wenn ich die Sache richtig beurteile, fand das Ensemble die wilde Zuneigung zwar enorm beruhigend, aber auch ziemlich irritierend. Ich gehe jede Wette ein: Alle da oben wussten genau, dass die Show ein faules Ei war. Und dafür, dass sie sich mit jeder Faser und ohne Rücksicht auf die persönliche Würde in einen solchen Mist geworfen hatten – mitgehangen, mitgefangen –, hatten sie den Applaus irgendwie ja auch verdient. Jeden einzelnen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Christopher Gillett

Weitere Beiträge
Zwanghaft destruktiv

In Alexander Zemlinskys Opern rumort eine schwüle, mit Gewaltfantasien grundierte Erotik. Sein selten aufgeführtes Opus summum «Der König Kandaules» treibt die Obsessionen auf die Spitze. Wörtlich genommen ist die Geschichte schwer verdaulich: Der König begreift seine schöne Gattin Nyssia als Besitz. Erst entschleiert er sie wie eine Trophäe vor den Höflingen, dann...

Schlamm, Blut und Tränen

Lange Zeit hatte Bohuslav Martinus «Griechische Passion» einen schweren Stand: 1957 von Covent Garden vor der Uraufführung abgelehnt, erfuhr das Werk gravierende Umarbeitungen, ehe es – erst nach dem Tod des Komponisten – 1961 in Zürich aus der Taufe gehoben wurde. Ein Renner ist das auf einem Roman von Nikos Kazantzakis basierende Stück immer noch nicht. Denn die...

Klangwerker der Schöpfung

Für Susanne Elgeti streift Dieter Schnebel noch einmal den Talar über, richtet das geteilte Beffchen des reformierten Protestanten, hebt die Arme und spricht den Segen für eine imaginäre Gemeinde. Die Kirche ist leer, der Atem geht schwer. Vom «Friede Gottes» hören jetzt nur die Regisseurin und ihr Team. Gut so?, fragt der Blick des Pfarrers a. D. Der «Friede...