Mahnzeichen
Auf dem Cours Mirabeau und den anderen platanenumsäumten Boulevards flaniert sich’s wie immer, aber an Brennpunkten des öffentlichen Lebens wird die Veränderung doch merklich. Die liberté aus der Wunschparole der großen Revolution wird von der sécurité angefressen, und wo, bitte schön, ist die fraternité geblieben? Egalité wird an den Festspieleingängen praktiziert, die keiner undurchleuchtet passiert – das Publikum nimmt’s mit einer südländisch inspirierten Mischung aus Gelassenheit und Geschäftsmäßigkeit.
Auch beim allgemeinen Outfit herrscht kein durchweg feierliches Gehabe. Die Herren zeigen auch bei Indoor-Premieren die volle Palette vom schwarzen Anzug bis zu Shorts und Buschhemd; die Damen erscheinen keinen Strich stärker eingeschränkt.
Bernard Foccroulle präsentiert in Aix-en-Provence seine letzte Sommerspielzeit. Pierre Audi, der ewige Opernchef in Amsterdam, steht schon in der Kulisse, um im Herbst das Amt des directeur général anzutreten und den nächsten Jahrgang weiter vorzubereiten. Foccroulle übernahm von seinem Vorgänger Stéphane Lissner das Konzept der Koproduktionen, wodurch offenbar eine Entlastung des Budgets gewährleistet ist. Ein besonders nachhaltiger ...
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Opernwelt September/Oktober 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Hans-Klaus Jungheinrich
Die Natur hat die junge Russin Margarita Gritskova mit einer Riesenstimme ausgestattet: einem Mezzosopran, fulminant in der Höhe, wie eine dunkle Glocke in der Tiefe und äußerst agil in den Auszierungen. Inzwischen singt sie in vorderster Reihe an der Wiener Staatsoper. Sie ist ein leuchtendes Beispiel für die Förderung junger Begabungen, wie sie Intendant Jochen...
Gerade ist in Verona das Arena Opera Festival 2016 zu Ende gegangen. Wie so oft in den vergangenen Jahren erlaubte die angespannte finanzielle Situation nur einen eher müden Spielplan mit notdürftig aufgepeppten Altinszenierungen der «Aida», «Carmen», «Turandot», «Traviata» und des «Trovatore». Als einzige Neuerung im Déjà-vu waren zwei Leuchttafeln für Untertitel...
Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Das sind, nach Kant, die Grundfragen des auf Vernunft gegründeten Lebens. Sapere aude! – der vor 232 Jahren formulierte Appell des aufgeklärten Geistes aus Königsberg ist bis heute nicht eingelöst. Und erst recht nicht erledigt. Wie ein verdecktes Leitmotiv hallt er durch das Werk von William...
