Märchenstunde auf dem Lande
Die Hälfte der Opern, die in diesem Sommer in Glyndebourne auf dem Programm stehen, darunter zwei der drei neuen Produktionen, wurden von Regisseuren betreut, die aus der britischen Schauspielszene kommen. Durch Experimentierlust ist keiner von ihnen aufgefallen. «Moderne» Regieperspektiven passen offenbar nicht mehr zum ästhetischen Selbstbild des Festivals. Während der achtziger und neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das noch anders, gab es gelegentlich durchaus Platz für kontroverse Arbeiten.
Die Inszenierung von Dvoráks «Rusalka» hatte man einer Operndebütantin anvertraut: Melly Still machte sich in Großbritannien mit Kindermärchen nach den Gebrüdern Grimm einen Namen, ihre Einrichtung des preisgekrönten Jugendstücks «Coram Boy» lief am Londoner National Theatre und in New York. Für ihr erste Musiktheaterregie habe sie sich vor allem von Pina Bausch inspirieren lassen, gab Melly Still zu Protokoll. Zu sehen ist davon in ihrer geschäftigen «Rusalka» so gut wie nichts. Statt auf der Bühne in Gestik und Bewegung Elemente einzuführen, die etwa die Entfremdung zwischen der höfischen Welt des Prinzen und der Naturwelt der Nixe ausloteten, begnügte sie sich mit einem ...
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In meinem Besitz befindet sich ein Papiertischtuch. Es ist fleckig und mit drei verschiedenen Handschriften bekritzelt: links jene von Rolf Borzik, dem früh verstorbenen Bühnenbildner und Lebensgefährten von Pina Bausch; in der Mitte jene der großen Tanzpoetin, rechts die des damaligen Wuppertaler Musikdramaturgen und Schreibers dieser Zeilen. Es ist ein Tischtuch...
Wohl kaum eine Figur der Operngeschichte erlebt so eine niederschmetternde Ausweglosigkeit wie Wozzeck. Wie zeigt man das auf der Bühne? Matthias Oldag, Generalintendant der Theater & Philharmonie Thüringen, und sein Bühnenbildner Thomas Gruber haben sich in Gera für eine simple, aber doch wirkungsvolle Lösung entschieden. Ein Raum, begrenzt von zwei Wänden, einer...
Die Zweifel, die Händel-Forscher Rainer Heyink im Booklet der Neueinspielung am mutmaßlichen Auftraggeber des «Rodrigo» äußert, scheinen nur allzu berechtigt: Sollte der toskanische Großherzog Ferdinando de Medici wirklich eine Oper bestellt haben, in der ausgerechnet der Herrscher als ziemlicher Versager porträtiert wird? Bei der Florentiner Uraufführung 1707...
