Märchen für alle
Man mag Barrie Kosky für einen zuweilen leichtfertigen Regisseur halten. Aber kaum je für einen langweiligen. Mit dieser angelsächsischen Tugend könnte ihm noch einmal die Schlüsselrolle zufallen, aus den Einbahnstraßen eines inzwischen oft verbraucht wirkenden Regietheaters Auswege zu finden. Mit «Rusalka» jedenfalls gelingt ihm in Berlin nicht nur ein Votum für ein gern unterschätztes Meisterwerk, sondern eine seiner besten Arbeiten bislang.
Kosky hält die Geschichte von der Wasserfrau, die zu den Menschen will (und dabei ihren Prinzen mit in den Abgrund reißt), für einen zweifelsfreien Märchenstoff. Dennoch will er, dass sich jeder Zuschauer sein eigenes Märchen projiziert. Ein zunächst merkwürdig bescheidener, um nicht zu sagen: unmöglicher Anspruch. Denn dann könnte sich jeder zu Hause seine eigene CD auflegen – und drauflos projizieren. Klaus Grünberg hat das Neorokoko-Bühnenportal des Hauses dupliziert und noch einmal auf die Bühne bauen lassen – verkleinert, so dass wir die Handlung in doppeltem Rahmen sehen: Theater auf dem Theater. Was das mit der erklärten Projektionseinladung an das Publikum zu tun hat, ist dem Verfasser, ehrlich gesagt, verschlossen geblieben. Da aber ...
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Opernwelt April 2011
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Kai Luehrs-Kaiser
«Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche», ätzte Karl Kraus. Jeder Schreibende mag sich bei dieser Attacke zunächst an die eigene Nase fassen. Doch nirgendwo passt sie treffender als auf die Autobiografien prominenter Mitbürger, wo Geschwätzigkeit oft als klug-charmante Plauderei verkauft...
Rückblende: Als Kirsten Harms im Oktober 2006 an der Deutschen Oper Berlin Alberto Franchettis 1902 uraufgeführte und nach einigen Jahren vergessene Revolutionsoper «Germania» wieder auf die Bühne brachte, fiel das kritische Urteil in der Tagespresse vernichtend aus. Zu den wenigen Stimmen, die damals widersprachen, gehörte diese Zeitschrift (siehe OW 12/2006) –...
Eines kann man über den neuen «Ring» an der Bastille schon jetzt sagen: Beim französischen Publikum stößt er auf vehemente Ablehnung. Wie schon bei «Rheingold» und «Walküre» gab es auch im «Siegfried» eine von Wagner eigentlich nicht vorgesehene Rolle, den Buh-Chor. Dabei bietet Günter Krämers Inszenierung keinerlei echte Provokationen, vielmehr werden die Stärken...
