Männerphantasien
Friedrich Schillers «romantische Tragödie» war Tschaikowskys Hauptquelle, aber mit signifikanten Änderungen. So nimmt die Liebeshandlung mit dem burgundischen Ritter Lionel (bei Schiller ein Engländer) deutlich mehr Raum ein, und ihr Ende findet Jeanne d’Arc nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf einem Scheiterhaufen. Es lässt sich spekulieren, warum. Am Ende von Dmitri Tcherniakovs fulminanter Inszenierung in Amsterdam wird auch gezündelt, aber ohne Scheiterhaufen. Jeanne reckt eine Fackel in die Höhe, dann fällt der Vorhang.
Er geht aber gleich wieder auf, und auf der Bühne ist für einen Moment das wahrscheinlich loderndste Feuer der Bühnengeschichte zu sehen – ein Albtraum für die Feuerpolizei, zweifellos ein Coup. Es will etwas heißen, zu konstatieren, dass der musikalische Feuerzauber, den der in der Ukraine geborene Dirigent Valentin Uryupin mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest entfaltet, dem finalen Pyrozauber die Schau stiehlt. Wie es sich da vom ersten Züngeln der Flöten-Flämmlein nervenkitzelnd bis zum Irrsinn der Schluss-Stretta-Ekstasen steigert, das realisiert eine Dimension dieser Musik, die dem Komponisten sicher vorschwebte, den Irrsinn eben, der in solcher Drastik nur selten zu hören ist. Die obsessiv durchdrehenden Repetitionsfiguren der Streicher, all das Blech-Geschmetter: Es klingt dann nach dem, was Ulrich Schreiber in seinen Überlegungen, warum diese «Jungfrau von Orléans» zwischen den Repertoire-Erfolgen «Eugen Onegin» und «Pique Dame» nicht reüssieren konnte, «Konventionalismen» nannte. Dabei enthält sich Uryupin aller Brutalismen. Alles bleibt plastisch und organisch, sprechend und mit einem betörenden Swing. Annonciert wird der gerade 40-Jährige, der an der Oper Frankfurt erstmals 2022 mit der «Zauberin» zu hören war, als Tschaikowsky-Spezialist. In Anbetracht der Souveränität, mit der er hier durch die komplexen Riesenensembles navigierte, dabei andererseits die Magie der feinen Solostellen (Flöte, Horn, Klarinette!) nie überspielte, ist da noch manches zu erwarten. Ein Glücksfall.
Die Tage der Grand Opéra waren gezählt, als Tschaikowsky Ende der 1870er-Jahre, nach den Seelenbildern des «Onegin», mit diesem Schiller-Stück noch einmal einen späten Beitrag zur Gattung wagte, mit großen historischen Tableaus und einer effektstarken Kontrast-Dramaturgie aus dem Geiste Meyerbeers. Das sollte, mit allen Mitteln, den Weg zum großen Publikum bahnen und zugleich einen Stoff bearbeiten, der den Komponisten seit je fasziniert hatte. Was uns Schillers Stück und seinen hohen Ton heute eher fremd macht: Wie da eine junge Frau zur Projektionsfläche aller denkbaren, nicht nur Männerphantasien wird – eben dies wird in der eingedampften Opernfassung in seiner Absurdität um so bestürzender als das eigentliche Thema deutlich. Das Mädchen vom Land, es wird beschimpft, bewundert und begehrt, etwas trennt sie von der Gemeinschaft, Jeanne stört.
Sie ist ein Fall, weshalb es Sinn ergibt, die Handlungsorte, vom ländlichen Anfang über den Königshof und die Krönungskathedrale in Reims bis zum Ende (in Rouen) in einem Gerichtssaal spielen zu lassen. Der Regisseur hat einen zeitlos kühl holzgetäfelten Raum entworfen, mit Richtertribüne und Bänken fürs Publikum und mit einem Käfig für die Angeklagte. Alles kreist um Jeanne, der Elena Stikhina eine eindrückliche Intensität schenkt, zwischen Innigkeit und Exaltation und der stummen Verzweiflung, irgend zu verstehen, was da um sie herum geschieht. Virtuos erzählt Tcherniakov das Stück als Halluzination seiner Hauptfigur, manchmal dreht sich der Raum, ein Lichtwechsel genügt, um die (verfremdeten) Engelsstimmen von oben zu beglaubigen.
Selbst auf die himmlischen Mächte ist kein Verlass, erst preisen sie die kämpferische Jungfrau, dann verdammen sie sie wegen ihrer Liebe zu Lionel, dem Mann der Gegenseite. Wenn im Kopf der jungen Frau die Engel singen, drehen sich, langsam, die Ventilatoren an der Decke, das genügt. Mittig dreht sich eine große Uhr, mal langsam, mal schnell, mal vorwärts, mal rückwärts, denn Tcherniakov hat, im Sinne seiner Idee vom Gerichtsverfahren, die Chronologie in ein komplexes Spiel von Rückblenden aufgelöst. Die vielen Figuren um die Frau im Käfig treten vor, Zeugen von Anklage oder Verteidigung, oder beidem. Gábor Bretz macht die toxische Väterlichkeit des Thibaut d’Arc glaubhaft, Oleksiy Palchykov gibt den guten Jungen vom Dorf, der diese seltsame Jeanne liebt, auch wenn er sie nicht versteht, mit rührendem Schmelz. Allan Clayton ist das schokoladenschleckige, dauer-erotisierte große Kind als verstrubbelter König, der den Ernst der Lage seines Landes nicht sehen will, Nadezhda Pavlova, mit allerhand Tönen der Verführung, seine Mätresse. Vladislav Sulimsky hätte den Königsberater Dunois vielleicht markanter gestalten können; Andrey Zhilikhovsky gibt einen schnörkellos anrührenden Lionel. Nachdem die Gefangene als gefallenes Mädchen zur Sex Doll ausstaffiert wurde, nimmt er der Geliebten mit sanfter Fürsorge die demütigende Zurichtung wieder ab, Stück für Stück. Für so einen ist in dieser hysterisierten Welt kein Platz. In den Momenten des Semplice der Jeanne von Elena Stikhina und des Lionel aber scheint Utopie auf: Das könnte es sein. Tcherniakovs strenges wie schlüssiges Konzept hat den Preis, dass dem über lange Strecken in Gerichtsbänke gezwängten Chor wenig Spielraum bleibt. Der aber wird genutzt; mit akribischer Liebe zum Detail hat die Regie hier individualisiert, was als Kollektiv bloß gemein ist. So sind Menschen. Eindrucksvoll vermittelt wird dies von Edward Ananian-Coopers exzellent einstudiertem Chor der Nationale Opera. Zum Pessimismus des Abends gehört das doppelte Schlussbild: Erst sehen wir Jeanne d’Arc als Ikone der Freiheit mit der gereckten Fackel. Vorhang zu, Vorhang auf. Dann brennt alles. Und nicht nur in Jeannes Kopf.
Tschaikowsky: Die Jungfrau von Orléans
AMSTERDAM | NATIONALE OPERA & BALLET
Premiere: 12. November, besuchte Vorstellung: 2. Dezember 2025
Musikalische Leitung:Valentin Uryupin
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Chor: Edward Ananian-Cooper
Solisten: Elena Stikhina (Jeanne d’Arc), Allan Clayton (Charles VII.), Nadezhda Pavlova (Agnès Sorel), Vladislav Sulimsky (Dunois), Andrey Zhilikhovsky (Lionel), John Relyea (Erzbischof), Gábor Bretz (Thibaut d’Arc) u. a.
www.operaballet.nl
Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Holger Noltze
Es war kein Ort zum Träumen, eher einer der gefesselten Phantasie: Stickig und klaustrophobisch dürfte es im Haremsbereich der osmanischen Paläste hergegangen sein. Selbst in jenem des Topkapı Sarayı zu Istanbul, obwohl er, vermeintlich großzügig, über 400 Zimmer umfasste. Zwar suggerieren hohe Decken und die elegant mit bunten Kacheln verzierten Wände, dass des Sultans Gespielinnen dort...
Thom Luz ist ein Zauberer. Seit 2007 macht er Theater, meist phantastische Werke, in denen man sich wie in einem feinen Gespinst gerne verheddert, in Träumen hellwach. Einige Male war Luz schon zum Berliner Theatertreffen eingeladen, viele seiner Arbeiten, so man sie sehen durfte, lagern sich in der Erinnerung in einer Sedimentschicht des Glücks ab. Dann denkt man beispielweise an einen...
Der Zar taumelt aus einem pechschwarzen, mannshohen Fabergé-Ei. Die reichverzierte Schale ist aufgebrochen, im Innern befindet sich der Zarenthron. Das Zentrum der Macht erscheint so prächtig wie fragil. Allein die Präsenz, mit der Alexander Tsymbalyuk in der Titelpartie der blutigen Höhle entsteigt, wie er überhaupt mit seinem gewaltigen Bass ein grandioses Psychogramm des von...
