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Buch des Monats: Substanziell. Marina Schieke-Gordienko untersucht Leben und Werk des Weltbürgers Ferruccio Busoni

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Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung.» Mit dem kühnen Satz krönte Ferruccio Busoni 1907 seinen «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» – in der zweiten Fassung 1916 Rainer Maria Rilke, «dem Musiker in Worten verehrungsvoll und freundschaftlich dargeboten». Mit dem Schweben zwischen der Tradition und einer dank Schönberg sich radikalisierenden Moderne gelang es Busoni, sich einprägsam schillernd zu positionieren.

Und mit ihrem schmalen Buch in der edition text + kritik gelingt es der an der Staatsbibliothek zu Berlin arbeitenden Musikwissenschaftlerin Marina Schieke-Gordienko, die weite Dimension von Denken und Wirken des Pianisten und Komponisten Busoni konzentriert darzustellen. Der in italienischer und deutscher Kultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verwurzelte Künstler versetzt uns noch immer in Erstaunen. Gibt uns und der Bühnenkunst mit seiner unvollendeten Oper «Doktor Faust» ein bleibendes Rätsel.

Schon Busonis Name besitzt eine wundersame Dimension. Wenn Namen nicht «Schall und Rauch» sind, wie Goethes verliebter Faust seiner Margarethe weismacht, dann gleicht das Taufregister mit den Vornamen Busonis, 1. April 1866, Empoli in der Toscana, einem Kürzel-Manifest italienischen Künstlerlebens: Ferruccio, Dante, Michelangelo, Benvenuto. Und die Namen der Städte seiner frühen Reisen, Studien- und Arbeitsstätten dokumentieren den Status des Weltbürgers: Triest, Paris und Wien, Helsinki, Moskau, Boston und New York. Die Eltern des Knaben – die Mutter Pianistin, der Vater Klarinettist – befinden sich häufig auf Konzertreisen. Ferruccio wird musikalisch vom Großvater in Triest erzogen, das Klavierspiel ist sein Leben, Johann Sebastian Bach, der Prophet des Kontrapunkts, sein Gott. Der Knabe komponiert viel und vieles, mit sieben gibt er sein Konzertdebüt. Es folgt ein Studium am Wiener Konservatorium. Eine Österreich-Tournee mit rund 60 Konzerten führt zur frühen Erschöpfung. In Graz kann Busoni ein Jahr lang bei Wilhelm Mayer seine Kompositionstechniken vertiefen. Dort verabschiedet er sich öffentlich mit Beethoven letzter Sonate und Schumanns Klavierkonzert. 15-jährig wird er Mitglied der Accademia Filarmonica di Bologna, mit dem Diplom für Klavier und Komposition. Busoni, Zeitgenosse von Strauss, Mahler und Schönberg, gehört zu den produktivsten, in der Tiefe und Reichweite seiner Kunst und Geistesgegenwart charismatischen Musikern seiner Zeit. Dass Marina Schieke-Gordienko den Nachlass Busonis in der Berliner Staatsbibliothek betreut hat, dass sie 2016 als Kuratorin der großen Berliner Ausstellung zum 150. Geburtstag Busonis hervortrat, hat dazu geführt, dass sie sich wie keine zweite Wissenschaftlerin und Autorin berufen fühlen musste, die komplexe, ja geheimnisumwitterte Künstlerfigur des Mannes zu erforschen und mit präziser Sachlichkeit zu beschreiben. Busoni, als Pianist mit dem Erfolg auch zunehmend der Kritik ausgesetzt, nahm den Rat Arrigo Boitos ernst, künftig weniger Interpret und mehr Komponist zu sein. Er übersiedelte nach Leipzig, arbeitete mit dem Musikverlag Breitkopf & Härtel an Liszt- und Bach-Ausgaben und an den eigenen Kompositionen. Der Musikpublizist Ferdinand Pfohl beschrieb ihn dort «als grüblerischen, suchenden Tondenker, weniger als Tondichter». Busoni folgt dem Ruf nach Helsinki, er kommt mit Sibelius zusammen, lernt dort seine künftige Ehefrau Gerda kennen. In Moskau erhält er, auf Empfehlung Anton Rubinsteins, einen Lehrauftrag am Konservatorium. Es folgt die Einladung ans Konservatorium in Boston, die Übersiedlung nach New York, eine pianistische Krise.1894 kehrt er nach Europa zurück, Berlin wird zur Wahlheimat.

«Pianist und Kosmopolit» wird Ferruccio Busoni im Titel des Buchs genannt und in seinen Lebensbereichen des Reisens und Konzertierens beschrieben. Beleg sind Meisterkurse in Weimar, Wien, Basel und Bologna, eine Konzertserie in Italien, mehrere Reisen durch Amerika, die Leitung einer Klavierklasse in Basel, beherzte Kompositionen, umfassende Bach-Klavierbearbeitungen, die Uraufführung seiner Oper «Die Brautwahl» in Hamburg, die Flucht im Ersten Weltkrieg in die Schweiz. Im Stadttheater Zürich kommen die Opern «Arlecchino» und «Turandot» auf die Bühne. Die bildhaft, emotional und kontemplativ hochambitionierte Oper «Doktor Faust», deren Schluss unvollendet bleibt, wird zum Problem der späten, von Krankheit getrübten Jahre in Berlin. Dort stirbt Busoni am 27. Juli 1924, im Alter von 58 Jahren.

Souverän ist die Sach- und Quellenkenntnis der Autorin, darum ist der Anhang ihres Buchs besonders ergiebig – die komplette Übersicht über die Quellen in der Berliner Staatsbibliothek, darin der kompositorische Nachlass, die digitale Briefedition der Humboldt-Universität, weitere Fundorte in zahlreichen Archiven. Sodann die genaue «Bestandsübersicht» der Busoni-Quellen und die reichhaltigen diskographischen und Literaturhinweise. Es besteht die Gewissheit: Ein größeres und substanzielleres Busoni-Kompendium als hier dargeboten ist kaum vorstellbar.

MARINA SCHIEKE-GORDIENKO: FERRUCIO BUSONI. PIANIST UND KOSMOPOLIT
edition text & kritik, München 2025. 171 Seiten; 24,00 Euro


Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Medien, Seite 45
von Wolfgang Schreiber

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