«Leicht muss man sein»
Herr Thielemann, brauchen wir nach der Kanon-Debatte in der Literatur auch eine vergleichbare Diskussion für die Musik?
Klassiker sind wie das tägliche Brot. Wir kämen nicht auf die Idee zu sagen: Ab morgen werden wir nicht mehr mit Wasser duschen, weil uns dieses Wasser nach Jahrtausenden jetzt auf den Senkel geht. Und so sehe ich das auch mit den Klassikern. Allerdings fällt mir auf, dass sich viele jüngere Dirigenten seltener daran wagen, vielleicht weil dann offenbar wird, wie gut oder schlecht diese Stücke dirigiert werden.
Sie haben sich bei den Münchner Philharmonikern einen Vertrag ausbedungen, der das Orchester vor Sparmaßnahmen schützt. Was empfehlen Sie Orchesterleitern in kleineren Städten, meinetwegen in Albstadt, St. Ingbert oder Waiblingen, die um die Existenz ihrer Orchester kämpfen?
Man muss den Politikern klar machen – und viele wissen es ja mittlerweile –, welch große Wirkung Kunst für einen Ort hat. Ich kann meinen Kollegen nur raten: Hände weg von diesen so genannten überintellektuellen Programmen. Natürlich steckt, wenn eine Saison einem übergeordneten Thema verpflichtet ist, meist ein kluger Gedanke dahinter. Aber bitte: Bedient auch das normale Repertoire! ...
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Auch das Publikum ist nicht mehr das, was es einmal war. Beispiel: Parma. In der Verdi-Hochburg übte es noch in den frühen sechziger Jahren mit gnadenloser Strenge sein selbst erteiltes Richteramt aus. Auch die Großen blieben nicht verschont. Rosanna Carteri etwa flüchtete sich während einer «Traviata»-Aufführung vor den Missfallenskundgebungen in eine Ohnmacht,...
Er war ein Gigant der Opernbühne. Und doch hatte Gottlob Frick – so berichten fast alle, die ihn kannten – privat so gar nichts Gigantisches an sich. Er war ein liebenswert unkomplizierter, naturnaher Mensch. Da glich er eher dem gemütvoll-beschaulichen Stadinger, dem freundlich-humorigen Plumkett, dem listigen Falstaff, während er, von Furtwängler als der Welt...
Das neunzehnte Jahrhundert konnte mit Mozarts und da Pontes scuola degli amanti nicht viel anfangen. Ihre tragikomische Versuchsanordnung über die regellose Macht des Eros und die Fragilität der Liebe galt als unschickliche Trivialität. Ein Genie habe da seine «himmlisch süßen Melodien» an «ein ... elendes Machwerk von Text» verschwendet, glaubten nicht nur die...
