Leere Blätter
Jules Massenet hat den Abschluss seiner Opéra lyrique «Werther» genau notiert: «Samstag, 2. Juli 1887, 11.15 Uhr». Ob er ahnte, dass sein Werk tatsächlich ein Wurf war? Wie Puccinis «La Bohème» ist es ohne Fehl und Tadel, kein Takt zu viel, Libretto und Musik genau verzahnt – und doch im deutschsprachigen Raum nicht von gleicher Popularität; bis in die 1970er-Jahre war die Goethe-Oper kaum präsent. Seltsam genug, hatte doch die Uraufführung 1892 mit großer Resonanz in Wien stattgefunden, auf Deutsch.
Die sehr gut besuchte Premiere im Festspielhaus Baden-Baden spiegelt nun die bis heute stark gewachsene Akzeptanz des Werks, mochte man im Vorfeld auch Bedenken haben, ob dieses Kammerdrama ohne Chor (abgesehen von den Kinderstimmen) in dem mit rund 2500 Plätzen zweitgrößten Opernhaus Europas nicht womöglich etwas zu fragil wirken könnte. Obwohl auf den ersten Blick monumental, räumt Radu Boruzescus Einheitsbühnenbild solche Befürchtungen aus. Spielort ist eine öffentliche Bibliothek, an den drei Wänden der vier begehbaren Etagen ziehen sich die Buchreihen hin, einige Leitern erleichtern den Zugriff, links stehen fünf Lesetische hintereinander, im Raum verteilen sich einige Stehlampen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Im Fokus, Seite 16
von Götz Thieme
Manchen Werken der Musikgeschichte wird bescheinigt, sie würden den Geist einer Epoche konservieren. Mit Blick auf die wieder sehr in Mode gekommenen 1920er-Jahre mag das auf George Gershwins «Rhapsody in Blue» zutreffen, mit ihrem wilden Amalgam aus Jazz, Blues und klassischer Symphonik, oder auch auf dessen Tondichtung «An American in Paris», wo der Komponist...
Bis vor Kurzem war die wechselvolle Geschichte der französischen Tragédie en musique zwischen dem Tod ihres Schöpfers Jean-Baptiste Lully 1687 und ihrer Erneuerung durch Jean-Philippe Rameau mit seiner ersten, 1733 uraufgeführten Oper «Hippolyte et Aricie» ein schwarzes Loch. Jean-Jacques Rousseaus polemische Bemerkung, es handle sich dabei um «minderwertige...
Theodor W. Adornos Verdikt steht nach wie vor wie in Stein gemeißelt im öffentlichen Diskursraum: «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch!», so heißt es wortwörtlich in Adornos 1949 geschriebenem, zwei Jahre später ver -öffentlichtem Aufsatz «Kulturkritik und Gesellschaft». Was der Philosoph womöglich nicht bedachte, war die Tatsache, dass es...
