Kunsthandlungen in Weiß
Im alten Japan war Weiß die Farbe des Todes und der Trauer. Bei Romeo Castelluccis neuester Kunstanstrengung, die sich an die Inszenierung von Bachs «Matthäus-Passion» wagt, erinnert das allgegenwärtige Weiß weniger an buddhistische Trauerrituale als vielmehr an jenes Weiß, das in Galerien und Museen als Hintergrund der Präsentation von (zeitgenössischer) Kunst dient. Der White Cube ist längst selbst zum Signum der Kunst geworden, denn er objektiviert die in ihm positionierten Objekte und adelt sie durch seine kühle Zurückhaltung.
Der Hamburger Intendant Georges Delnon kennt sich besser als die meisten seiner Kollegen mit den Usancen der aktuellen Kunst und ihren ästhetischen Ritualen aus. Schließlich kommt er aus Basel, wo mit der Art Basel die hippste Kunstmesse der Welt alljährlich Furore macht, und hat dortselbst mit der Messe das Format «Art on stage» erfunden. Nicht zufällig konzipierte er natürlich auch Castelluccis «Matthäus-Passion» bewusst nicht fürs Opernhaus am Gänsemarkt, sondern zog für nur drei Aufführungen in die Deichtorhallen, Hamburgs fortschrittlichsten Kunst-Ort.
Diese markanten Bezüge zur Gegenwartskunst sind gewollt. Vieles, was an diesem pausenlosen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Regine Müller
Mit seinen 27 überlieferten Partituren ist der Venezianer Francesco Cavalli der Operngroßmeister zwischen Monteverdi und Alessandro Scarlatti. Richtig heimisch geworden auf der modernen Bühne ist er seit seiner Wiederentdeckung in den 1960er-Jahren dennoch nicht. Dabei erweist jede Begegnung mit einer seiner Opern, dass sie hinter dem «Ulisse» und der «Poppea»...
Nicht wenige Opern sind durch Muster-Interpretationen in ihrer Rezeption gebremst worden: Den «Rosenkavalier» überzog das Dresdner Uraufführungsmodell von Max Reinhardt und Alfred Roller mit einem Barock-Firnis, gegen den ein halbes Jahrhundert kein Kraut gewachsen schien; Bernsteins «West Side Story» war in Jerome Robbins’ Broadway-Kreation ähnlich sakrosankt....
Nach 1840 schlitterte die gute alte komische Oper in die Krise. Nicht erst Verdis «Falstaff», auch schon Wagners «Meistersinger» oder Donizettis «Don Pasquale» sind Komödien zweiten Grades. Spontaner Humor scheint nicht mehr zu funktionieren, die Komik verbirgt sich hinter einem Schleier von Anspielungen und Brechungen aus historischer Distanz.
Ein herausragendes...
