Kristalline Schönheit
Dass er für seine erste Oper als Sujet das längste, rätselhafteste Märchen seines Landsmannes Hans Christian Andersen wählte, lag irgendwie auf der Hand. Diese wunderliche Winterreise zweier Kinder, die in ein Fabelreich aus Eis und Schnee führt, mit sprechenden Pflanzen und Tieren, einer Zauberin, Prinz und Prinzessin. Diese in einfachen Sätzen geronnene Allegorie auf den Kreislauf von Werden und Vergehen, Leben und Tod und den unstillbaren Wunsch, festzuhalten, was nicht zu greifen ist.
Schon immer hat sich Hans Abrahamsen für Kaltzonen interessiert, seine Fantasie an gefrorenen Aggregatzuständen entzündet. «Winternacht» heißt ein Ende der 1970er-Jahre entstandenes Instrumentalstück des dänischen Komponisten, «Schnee» eine flirrende, aus zehn Kanons gefügte Kammermusik (2008). Und das langsame, irisierende Finale des Monodrams «let me tell you» für Sopran und Orchester (2013) klingt in einem Schneetreiben aus, das alle Konturen und Kontraste tilgt. Die Welt als unbeschriebenes Blatt, Tabula rasa; die Nichtfarbe Weiß als Medium des Flüchtigen, Unberührten, Unschuldigen.
Wie aus dem Nichts, pianissimo hebt das Vorspiel zu «Snedronningen» an, der dreiaktigen «Schneekönigin», deren ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Albrecht Thiemann
Chaya Czernowin
Auch in ihrem neuen Stück, das an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wird, unternimmt die israelische Komponistin eine Reise ins Innerste des Menschen: Ihr Musiktheater mit dem Titel «Heart Chamber» versteht sich als eine «Erforschung der Liebe» im 21. Jahrhundert. Claus Guth führt Regie, Johannes Kalitzke dirigiert, wir hören hin
Lorenzo...
Etwas Auffälliges übersehen? Dazu fällt uns Luciano Pavarotti ein, der in einer Talkshow mal vom schönsten Kompliment erzählte, das er je erhalten habe: In London habe ein Mann ihn auf der Straße ungewollt angerempelt und sich mit den Worten entschuldigt: «Sorry, I didn't see you ...» Zwar wirkt die Anekdote, angewandt auf die Spielplanpolitik der Wiener...
«Der Ruhm mag verschwinden, die Vergessenheit währt ewig.» Der Satz, dem Philosophen Arthur Schopenhauer zugeschrieben, beschreibt das Los längst im Fundus verschwundener Werke, die plötzlich als «Meisterwerke», nicht selten als «sträflich vergessene» Meisterwerke geadelt werden. Umso schöner, wenn sich Festivals oder auch kleinere Bühnen nicht damit begnügen, nur...
