Kosmos der Kontingenz
Johann Wolfgang von Goethe war nicht nur ein von Gott gesandter Dichter, er bekundete seine Souveränität auch im Umgang mit anderen Künsten, zumal der Musik. Beleg ist eine Sentenz, die sich in Goethes Gesprächen mit Eckermann unter dem Datum 11. März 1828 findet: «Denn was ist Genie anders, als jene produktive Kraft, wodurch Taten entstehen, die vor Gott und der Natur sich zeigen können, und die eben deswegen Folge und von Dauer sind.
Alle Werke Mozarts sind dieser Art; es liegt in ihnen eine zeugende Kraft, es liegt in ihnen eine zeugende Kraft, die von Geschlecht zu Geschlecht fortwirkt und sobald nicht erschöpft und verzehrt sein dürfte.»
Ein prophetischer Satz. Der im Grunde die titelgebende Frage des von Stephan Mösch herausgegebenen Bandes «Wie viel Mozart braucht der Mensch?» bereits beantwortet: Nie eigentlich kann es um uns herum genug von seinen Schöpfungen geben. Warum? Weil sie, wie Hegel in seinen «Vorlesungen über die Ästhetik» bemerkte, das wahrhaft Idealische in sich tragen und – dies ein Bonmot Adornos – zur Darstellung und Vergegenwärtigung einer neuen, utopischen Gemeinschaftlichkeit werden, welche die Sinne einschließt, zugleich aber diese Sinne während des ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Jürgen Otten
Claude Debussys 1902 uraufgeführte Anti-Oper «Pelléas et Mélisande» steht wie ein erratischer Block am Beginn des 20. Jahrhunderts. In seiner Vertonung des Maeterlinck’schen Prosaschauspiels negiert Debussy alles, was bis dahin die Gattung ausmachte – Arien, Ensembles, Chöre, Melodien, in der rhythmisierten, dem Rezitativ angenäherten Deklamation des Worts selbst...
Man liest es und staunt. «Angelica diabolica». Ist das nicht eigentlich ein Oxymoron, gewissermaßen eine contradictio in adiecto? Nicht nur, dass man sogleich Puccinis sehnende Schwester im Sinn hat, die von allem möglichen besessen sein mag (vor allem von der tatkräftigen Liebe), nicht aber vom Teufel: Schon das reine Wort hat doch eigentlich einen Engel im Sinn....
Wagners «Tristan und Isolde» sagt man eine weitestgehende Handlungslosigkeit nach. Alles Äußere sei in diesem Werk nach Innen gekehrt: innere Vorgänge, Liebesschmerz, Liebestrunkenheit, Gekränktheit. Alles nur im Kopf. Und im Herzen.
Das Regie-Duo Alexandra Szemerédy, und Magdolna Parditka hat in seiner Lesweise jetzt in Saarbrücken einmal alles auf den Kopf...
