Komm, süßer Tod!
Am Jakominiplatz nachts um halb eins. Die letzten Straßenbahnen und Busse schleichen über die eingelassenen Gleise, vor dem ehemaligen Dorotheum, das seit einigen Jahren ein angesagtes Boutique-Hotel beherbergt, warten Taxis auf Kunden, einzelne Passanten schlendern rauchend in Richtung Opernring. 200 Meter weiter, am Kaiser-Josef-Platz, blickt man in erleuchtete Fenster.
Die Premierenparty in der Oper Graz ist noch voll im Gange, was einmal daran liegt, dass sie für alle Gäste geöffnet und damit nicht so elitär ist wie in manch anderen Musentempeln, und ebenso daran, dass es jede Menge Gesprächsstoff und viel Prominenz gibt, die ihn weben kann. Erstmals überhaupt in der 125-jährigen Geschichte des Hauses hat sich Stunden zuvor der Vorhang für Hector Berlioz’ «Les Troyens» gehoben, und darauf ist nicht nur der neue Intendant Ulrich Lenz völlig zu Recht mächtig stolz; auch die Honoratioren der Stadt aus Wirtschaft, Politik und Kultur feiern die (sehr) späte «Entdeckung» dieser so tragischen wie vielschichtigen Grand Opéra, die Tatjana Gürbaca in gewohnter Präzision als zeitlos-verdichtete Parabel über das Elend der Menschheit im Krieg auf die Bühne gezaubert hat (siehe die Rezension ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Jürgen Otten
Zur Zeit der ersten Aufführungen von Giuseppe Verdis «La forza del destino» in Petersburg (1862) und Mailand (1869, in umgearbeiteter Fassung) war das Orchestervorspiel die Schwelle zwischen der gesellschaftlichen Realität und dem ersten Sängerauftritt: Die wenig geachtete Instrumentalmusik diente der Beruhigung der erhitzten Körper und entfesselten Mundwerke; was...
Dass die in Moskau ansässige «Nowaja Opera» mit Samuel Barbers «Vanessa» ein Werk aus einem, laut offizieller Einschätzung «unfreundlichen Land» auf ihren Spielplan setzt, ohne sich für dessen offenkundig boulevardesken Charakter zu schämen, unterstreicht erneut die radikale Entschlossenheit der Direk -tion zu einem «unkonventionellen Verhalten». Sämtliche Bühnen...
Die Einschätzung stammt aus berufenem Munde. Dieter Schnebel war Anfang der 1990er-Jahre der Lehrer von Michael Wertmüller, und was er, ein Dezennium später, wortreich wie bildmächtig zu Protokoll gab, darf mit winzigen sich verändernden Nuancen auch noch heute für den Schweizer Komponisten gelten: Dessen Musik, so Schnebel, sei «einerseits von roher Kraft,...
