Kollektiv stark
Das sind Bilder und Töne, die im Gedächtnis bleiben: Wie der Chor der Komischen Oper Berlin in Philip Glass’ «Aknathen» die Macht des ägyptischen Volkes verkörpert, das gegen die Willkür seines Herrschers Echnaton zurückschlägt.
Bedrohlich sind die Klänge, die sich in den rhythmischen und motivischen Wiederholungen von Glass’ Musik immer weiter aufschaukeln, immer stärker nimmt die Klangmacht des Chores zu, nähert sich im Tumult einem Bellen an, die peitschenden Rhythmen und Klanggesten wirken wie akustische Hiebe, die auch darstellerisch von choreographierten Schlagbewegungen begleitet werden. In der Mitte, zwischen zwei Menschenreihen, die hin- und herwogen, Echnaton selbst (John Holiday), der seinem Volk den neuen, monotheistischen Glauben aufgezwungen hatte und nun gewaltsam gestürzt wird. In Barrie Koskys Inszenierung im Schillertheater entwickelt diese Szene eine fesselnde Kraft. Optische und klangliche Darstellung greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig, beispielhaft ist hier zu erleben, was den Chor der Komischen Oper schon seit Längerem auszeichnet: neben großen musikalischen auch starke darstellerische Fähigkeiten. Die zeigen die Sängerinnen und Sänger ebenso in den melodiösen Passagen dieses an eigentümlicher, ganz elementarer Melodik reichen Werkes.
Allein die Ansprüche von Glass’ Musik an einen Chor sind schon groß: Es braucht enorme Sicherheit und Disziplin, um die rhythmischen Muster der Minimal Music präzise wiederzugeben, es benötigt stimmliche Präsenz, um den oft syllabisch abgehackten Tonfolgen klangliche Qualität zu verleihen, es braucht schließlich eine große Sicherheit beim Memorieren der Chorpartien. Die wie endlos erscheinenden Wiederholungen einfacher Motive, zugleich aber die feinen Abweichungen von der Regel lassen das Lernen der Partien zur Herausforderung werden. Einstudiert von Chordirektor David Cavelius (er amtiert seit 2013 und hat damit die gesamte Ära Kosky begleitet), in den Aufführungen angeleitet vom Dirigenten Jonathan Stockhammer leisten die Sängerinnen und Sänger hier Außergewöhnliches: Präzision und schiere Klangmacht erscheinen eingefasst in einen Rahmen der sicheren, klanglichen Ästhetik.
Hinzu kommt die darstellerische Seite, die in diesem Fall in ausgeklügelten Choreographien ihren Ausdruck findet. Barrie Kosky hat sie mit einem ganzen Team von Choreographinnen und Choreographen entwickelt. Er konnte dabei auf einen Chor bauen, der in der Vergangenheit immer wieder tänzerisch und darstellerisch gefordert war: Kaum eine Inszenierung von Kosky, die ohne organisierte Bewegungsabläufe auskommen würde, erst recht im Bereich von Musical und Operette, deren Inszenierung der Australier während seiner Intendanz an der Komischen Oper zur Chefsache machte. Gerade die Erfahrungen im Musical-Bereich dürften für die Aufführung von «Akhnaten» hilfreich gewesen sein. Überhaupt wird es kaum einen Chor geben, der es mit dem der Komischen Oper an Vielseitigkeit des Repertoires aufnehmen könnte: Von Monteverdi reicht es über Händel und Mozart bis hin zu Jazz und Neuer Musik.
Ausdruck findet die Sonderstellung dieses Ensembles in der Bezeichnung «Chorsolisten», die am Haus seit den Zeiten von Walter Felsenstein für die Sängerinnen und Sänger verwendet wird. Dem Gründungsintendanten war es wichtig, seine Vorstellungen von einem modernen Chor auch in der Bezeichnung der Choristen zu spiegeln: Keine plumpe Masse sollte solch ein Ensemble sein, das in den Werken der Operngeschichte eine mal größere, mal kleinere Rolle spielt, sondern eine Gruppe eigenverantwortlich und überaus klug agierender Ensemblesängerinnen und -sänger. Entsprechend ging Felsenstein auch szenisch mit seinen «Chorsolisten» um: Detaillierte Bewegungskonzepte dachte auch er sich schon aus, insofern bewegt sich Barrie Kosky in weit ausgreifenden Traditionslinien.
«Akhnaten» war so etwas wie der Höhepunkt einer Saison, in der der Chor des Hauses weitere Glanzlichter setzte, angefangen bei Händels «Messias» im Herbst 2024 (in einer szenischen Darbietung in einem Hangar des Flughafens Tempelhof) bis hin zur zweiten Inszenierung, die Kosky in der vergangenen Spielzeit an der Komischen Oper auf die Bühne brachte: Stephen Sondheims «Sweeney Todd». Auch hier zeigte der Chor starke Präsenz, wenn auch nicht in einer unmittelbar handlungstragenden Rolle wie bei Glass. Eher im Stil eines kommentierenden Chors der antiken Tragödie traten die Sängerinnen und Sänger hier auf. Aber auch diese passivere Funktion vermag der «Chor des Jahres» mit Nachdruck und Können auszufüllen.
Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 76
von Clemens Haustein
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