«Da gibt es noch Luft nach oben»
Jürgen Otten: Meine Damen, meine Herren, wie die Welt von gestern geklungen hat, das wissen wir durch Stefan Zweigs wunderbare Betrachtungen gleichen Namens. Wie aber klingt die Welt von heute? Klingt sie dissonanter? Disharmonischer? Und wenn ja, wohin wäre die Harmonie der Welt entwichen?
Gordon Kampe: Mein Gott – Harmonie! Jedes Stück hat ja ohnehin eine Harmonie, und jede Oper sucht sich zudem ihre eigene. Wenn die Dur-Moll-Tonalität gemeint ist … ja, in den letzten Bühnenwerken kommen auch ganz «normale» Harmonien vor.
Für mich bedeutet es die Möglichkeit, mit Menschen zu kommunizieren, die solche Harmonien vielleicht schon einmal gehört haben; ich habe da keine Berührungsängste mehr, im Gegenteil. Manche Geräuschtextur klingt mir mittlerweile fast älter.
Titus Engel: Auch mein Gefühl ist, dass gerade in der jüngeren Vergangenheit im Musiktheater zahlreiche Projekte eine Energie und eine Wärme in der Harmonik aufwiesen und bei Weitem nicht so schroff gewesen sind, wie dies noch zehn, fünfzehn Jahre zuvor der Fall war, als das Musiktheater häufig die Geste des Abweisenden besaß und man den Eindruck gewinnen musste, dass die Komponisten im Elfenbeinturm wohnen und mehr oder ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Zeitgenössisches Musiktheater, Seite 100
von Jürgen Otten
Als im Jahr 1960 die erste Ausgabe der OPERNWELT erschien, war die erste große Auseinandersetzung der Kritik mit dem Musiktheater der Nachkriegszeit bereits Geschichte: Wieland Wagner hatte 1951 zur Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele mit seiner «Ring»-Inszenierung und vor allem mit seinem «Parsifal» die bis dahin gültigen Sehgewohnheiten des Opernpublikums...
Eine Oper wollte die Komponistin Rebecca Saunders eigentlich nie schreiben. Nun hat sie es doch getan und an der Deutschen Oper Berlin mit «Lash – Acts of Love» ein Stück präsentiert, das auf der Opernbühne neue Wege einschlägt. Handlung? «Ganz profan gesagt, geschieht wenig. Eine Frau, die in vier Frauen aufgeteilt ist, oder besser: in vier Facetten ihrer selbst,...
Immer wieder stellt sich die Frage, wann und wo man am liebsten gelebt hätte. Die klassische «Rückwärts-Utopie» ist die Folge: natürlich in der Vergangenheit – im alten Athen oder antiken Rom, im heilen Mittelalter, im prächtigen Rokoko oder in der heimeligen Romantik. Geschichte verheißt Schutz vor den Krisen der Gegenwart. Schon in die jüngere Vergangenheit zieht...
