Körpertheater
Für Johann Sebastian Bach war Kirchenmusik, wie die Predigt des sonntäglichen Gottesdienstes, Verkündigung – «der Glaube gesungen», wie er selbst auf einem seiner Kantaten-Autographe notierte. Schon im Konzertsaal mit dem Kult der ästhetischen Autonomie, erst recht aber auf der Opern-, gar der Tanzbühne scheinen seine beiden großen Passionen fehl am Platz.
Und doch finden sie, abseits der ursprünglichen liturgischen Bestimmung, in einer säkularisierten Gesellschaft wie der unsrigen gerade auf dem Theater ihren Sinn – kraft ihres gemeinschaftsstiftenden Ritualcharakters, ihrer Darstellung elementarer emotionaler Erfahrungen und Erschütterungen von Liebe und Schmerz, Gewalt und Tod – und nicht zuletzt auch kraft ihrer musikalischen Form, die sie mit der barocken Oper verbindet.
Carl Orff war der erste, der 1932 die apokryphe, damals noch Bach zugeschriebene «Lukas-Passion» mit dem Münchner Bach-Verein als Episches Theater szenisch aufführte. Heute ist es vor allem die kürzere «Johannes-Passion» mit ihrer zugespitzten Theatralik, der man hin und wieder auf der Opernbühne begegnet. Dietrich Hilsdorf hat sie 2005 in Wiesbaden, Andrej Woron 2014 in Osnabrück inszeniert. Beide haben sie ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Uwe Schweikert
Man muss nicht zwingend ein Buddhist sein, um den tieferen Charme dieses Satzes zu begreifen, seine gerade auf die Defizite der westlichen Spätmoderne anwendbare weltanschauliche Evidenz: «Der Weg ist das Ziel.» Bei der Premiere von Messiaens Musiktheater «Saint François d’Assise» Ende September 2002 an der San Francisco Opera wurde das philosophische Bonmot zu...
Einhundert Jahre schlief Dornröschen, die Prinzessin. Immerhin auf etwa die Hälfte brachte es Pinotta, die Waise. Doch nicht ein Prinz küsste sie wach, sondern ihr geistiger Vater – Pietro Mascagni, der Komponist dieses idillio in due atti über die Liebe dieser elternlosen Spinnereiarbeiterin zu ihrem Arbeitskollegen Baldo. 1880 hatte der damals 17-Jährige die...
Einer derjenigen, die entdecken, die forschen, schürfen. Einer von denen in der Welt des Musiktheaters, die nicht «loslassen» können, wenn es um Unerforschtes, um Unentdecktes, genauer: um Opern und Opernstoffe geht, die am Rande des manchmal so einfallslos das Immergleiche aufbietenden Repertoires ihr Dasein fristen. Das war Andreas K. W. Meyer.
Meyer, im Juni...
