Körperstimmen
Er schafft es immer wieder. Das scheinbar Vertraute neu zu sehen und neu zu hören. Als wären wir ihm nie begegnet. Mozart zum Beispiel schickte er vor ein paar Jahren in die Banlieues. Bach hat er befragt und Monteverdi. Und zuletzt die C(h)œurs von Verdi und Wagner. Ihren Puls, das in ihnen Pochende, aus ihnen Drängende will Alain Platel uns unter die Haut treiben.
Die Wut des Dies irae im Requiem, das Rebellische im Wach auf! der Meistersinger, das Vordergründige des Machtjargons im dritten Lohengrin-Aufzug (Heil! König Heinrich! Heil!) – Platel lässt die Königsweise von einem seiner Tänzer singen, sprachlos, daaa da da daaa, mit brüchiger Stimme, eine geprügelte Kreatur, der der Angstschweiß auf der Stirn steht, als der unsichtbare Chor Für deutsches Land das deutsche Schwert fordert. Hier rückt die Close-up-Einstellung, die Bildregisseur Andreas Morell allzu häufig wählt und damit die Panoramaperspektive, die Tableaus der Masse fast an den Rand drängt, einen von allen entfernten Isolierten in den Blick, ungeschminkt, ausgeliefert kollektiver Hysterie. Die Kameras bleiben den zehn Tänzerinnen und Tänzern der ballets C de la B auch sonst dicht auf den Fersen, ihren spastisch ...
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Opernwelt März 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Albrecht Thiemann
Das Cello-Solo im ersten Akt dirigiert er aus. Und auch sonst ist Lawrence Renes ziemlich pingelig bei dieser Walküre. Einfach die Musik laufen lassen – das fällt ihm vorerst noch schwer. Das dürfte vor allem zwei Gründe haben: Erstens ist das Stück noch relativ frisch für den neuen Musikchef der Stockholmer Oper. Und zweitens braucht das Orchester genaue...
Die Aufführung begann um fünf nach vier am Nachmittag. Als nach dem ersten Akt der Applaus einsetzte, war es fünfundreißig Minuten nach fünf, ohne dass unsere Uhr ihren Geist aufgegeben hätte. Das ist natürlich keine präzise Zeitmessung, aber doch eine verblüffende Erkenntnis und sehr wahrscheinlich ein Rekord. Schneller ist der Gral noch nie enthüllt worden –...
Bruno Madernas Oper Satyricon von 1971/72 ist das letzte große Werk des 1973 verstorbenen vielseitigen Genies. Er schrieb es eigentlich für die Studenten seines Sommerkurses im berühmten Tanglewood, uraufgeführt wurde die Oper in seinem Todesjahr in Amsterdam. In vierzig Jahren lassen sich die Inszenierungen an den Fingern beider Hände abzählen. Die deutsche...
