Kleine Herzen, große Gefühle
Es ist angerichtet. Der Schaum gut verteilt über beide Wangen, das Messer gezückt, die Klinge gewetzt. Jetzt muss Sweeney Todd nur noch seines Amtes walten und einen gezielten (Schluss-)Strich ziehen, dann ist das Leben jenes Mannes, der seine Frau vergewaltigt (und damit in den Irrsinn getrieben) hat und nun kurz davor ist, sich auch die Tochter einzuverleiben, beendet.
Der Rachegott hätte seine Ruhe, und vielleicht könnte auch der Barbier Benjamin Barker aus der Fleet Street, der vor 15 Jahren zu Unrecht verbannt wurde und nun zurückgekommen ist, um sein Werk zu vollenden, wieder einige Nächte lang gut schlafen. Doch just in dem Moment, der ihm Erleichterung verschaffen würde, wird er gestört.
Als Stephen Sondheim Ende der 1970er-Jahre daranging, das Theaterstück «Sweeney Todd» von Christopher Bond zu vertonen, schien ihm diese Stelle, an der sich die tragische Titelfigur von einem «privaten Mörder in einen Serien- oder öffentlichen Mörder verwandelt», als zu wenig schlüssig. Sondheim fehlte die Motivation für Todds Verwandlung, und so komponierte er (unter tätiger Mithilfe seines Librettisten Hugh Wheeler) ein Stück, das Legende wurde: «Epiphany». Doch nicht der liebe Gott ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Als es an deutschen Opernhäusern noch einen Repertoirebetrieb gab, in dem es üblich war, dass prominente Sängerinnen und Sänger nur an ein, zwei Abenden gastierten, da stellten sich manchmal – trotz kurzer Einweisungsproben – musikalische Sternstunden ein. Etwa wenn die Sopranistin Júlia Várady in den Achtzigern und Neunzigern in Hamburg in einer schon damals in...
Es war, das darf man ohne Übertreibung sagen, ein spätes Debüt. 58 Lenze zählte Marian Anderson, als sie am 7. Januar 1955 erstmals die Bühne der Metropolitan Opera betrat, um die Ulrica in Verdis «Un ballo in maschera» zu singen, unter der Leitung des genialischen Dimitri Mitropoulos. Doch weniger deswegen war das Publikum in Manhattans Musentempel von den Socken....
Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen. In diesem Hause wohnte mein Schatz. Sie hat schon längst die Stadt verlassen. Doch steht noch das Haus auf demselben Platz.» So heißt es – von Heinrich Heine getextet und von Franz Schubert düster, ostinativ und h-Moll-existenziell in Noten gesetzt – in dem «Schwanengesang»-Lied «Der Doppelgänger». Schon immer erinnerten...
