Kleine Herzen, große Gefühle
Es ist angerichtet. Der Schaum gut verteilt über beide Wangen, das Messer gezückt, die Klinge gewetzt. Jetzt muss Sweeney Todd nur noch seines Amtes walten und einen gezielten (Schluss-)Strich ziehen, dann ist das Leben jenes Mannes, der seine Frau vergewaltigt (und damit in den Irrsinn getrieben) hat und nun kurz davor ist, sich auch die Tochter einzuverleiben, beendet.
Der Rachegott hätte seine Ruhe, und vielleicht könnte auch der Barbier Benjamin Barker aus der Fleet Street, der vor 15 Jahren zu Unrecht verbannt wurde und nun zurückgekommen ist, um sein Werk zu vollenden, wieder einige Nächte lang gut schlafen. Doch just in dem Moment, der ihm Erleichterung verschaffen würde, wird er gestört.
Als Stephen Sondheim Ende der 1970er-Jahre daranging, das Theaterstück «Sweeney Todd» von Christopher Bond zu vertonen, schien ihm diese Stelle, an der sich die tragische Titelfigur von einem «privaten Mörder in einen Serien- oder öffentlichen Mörder verwandelt», als zu wenig schlüssig. Sondheim fehlte die Motivation für Todds Verwandlung, und so komponierte er (unter tätiger Mithilfe seines Librettisten Hugh Wheeler) ein Stück, das Legende wurde: «Epiphany». Doch nicht der liebe Gott ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Die Wahnsinnsgeschichte des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz ist eine mehrfach überschriebene. Zum einen durch die historischen Dokumente über seine Flucht von der vergeblich geliebten, von Goethe – seinem Bruder im Geiste – ebenfalls angehimmelten Friederike Brion zu Pfarrer Johann Friedrich Oberlin in ein Vogesendorf und in die Abgründe seiner Seele. Zum...
«VB 1831 N», so lautet das Kennzeichen eines der vielen Autos, die uns Regisseur Christophe Coppens bei seiner Brüsseler Inszenierung von Vincenzo Bellinis «Norma» auf der Bühne präsentiert: die Initialen des Komponisten, das Entstehungsjahr der Oper und das ergänzende Norma-«N». Einer von mehreren lauen Gags. Dass es sich um ein Meisterwerk handelt: Das wird an...
Grande Dame
Ja, das waren noch Zeiten. Damals, in Bayreuth, als sich die dramatischen Sopranistinnen Birgit Nilsson, Astrid Varnay und Martha Mödl die Rollen in die Hände gaben und man sicher sein konnte, dass die holde Kunst des Wagner-Gesangs auf höchster Höhe zelebriert wurde. Nun sind einige Aufnahmen der vor 110 Jahren in Nürnberg geborenen Künstlerin...
