Klassenkampf in der Aristokratenküche
Bevor für mindestens einen Monat alle Türen schlossen und sich kein einziger Vorhang mehr öffnete, mussten wir sehr schnell noch einmal in die Oper, und, der Zufall wollte es so, aus einem schönen Anlass. In Düsseldorf gibt es ein Werk, das kein Mensch kennt, das grandios schöne Momente hat und das von einem Komponisten stammt, der mit einem anderen Stück berühmt wurde.
Vor einigen Jahren fand die Oper «Die Passagierin» des jüdischen-polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919 bis 1996) den Weg in die Welt, und die Geschichte der KZ-Aufseherin, die an Bord eines Passagierschiffs eine ehemalige Gefangene wiederzuerkennen glaubt, rührte bei den Bregenzer Festspielen seinerzeit alle Zuschauer bis ans Herz.
Jetzt lernen wir Weinberg in der Rheinoper von einer anderen Seite kennen: von seiner humoristischen und ironischen. Ähnlich wie sein Freund und Förderer, der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch, webt er in «Masel Tov! Wir gratulieren!» satirische Elemente ein, Persiflage und Slapstick, zitiert alle möglichen Stile und Tanzformen. Eine Klezmer-Melodie lugt wehmütig um die Ecke, Jiddisches feiert fröhliche Urstände. Und wer Schostakowitschs Symphonien kennt, wird hier, ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Wolfram Görtz
Seltsam, diese patinierte Eleganz. Diese Zuflucht in ein behaustes «Es war einmal», in eine fragile Idylle, auf die durchaus Schatten fallen, die aber doch glänzt wie das Licht biedermeierlicher Veduten. Das beginnt mit der Aufmachung, dem Weichzeichner-Porträt der Solistin auf dem Cover, Reminiszenz an die Foto-Medaillon-Kultur des späten 19. und frühen 20....
Filigran intime, von einem Streichquintett intonierte Kammermusik erklang zu Beginn der ersten Eigenproduktion der Staatsoper Stuttgart nach dem ersten Corona-Lockdown aus dem Orchestergraben – Musik irgendwo angesiedelt zwischen Verdis «Aida»-Vorspiel und dem Sextett aus Richard Strauss’«Capriccio». Es war der Auftakt zu einer ungewöhnlichen, ursprünglich schon...
Hätte es 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen keinen Krieg gegeben, dann gäbe es in Giuseppe Verdis «Aida» wohl weder die «Nil-Arie» noch das Orchestervorspiel zum dritten Akt, das die Atmosphäre einer überhitzten Nacht am Fluss so genial einfängt. Denn weil zum eigentlich für Kairo geplanten Uraufführungstermin Bühnenbilder und Kostüme im belagerten Paris...
