Keine Chance für Gefühle
Unter den Reformopern Glucks dürfte die 1777 uraufgeführte «Armide» derzeit den höchsten Aktualitätswert besitzen: Wenn die Titelheldin erkennen muss, dass wahre Liebe in einer einzig durch Konsum und Konvention bestehenden Gesellschaft keine Chance hat, passt das auf die durchsexualisierte Welt des 21. Jahrhunderts.
Und wenn Armide am Ende von ihrem Rinaldo mit ein paar lapidaren Floskeln des Bedauerns abgespeist worden ist, stockt einem der Atem vor der Kühnheit, eine Oper nicht mit Mord und Totschlag, sondern einfach mit der Wut und dem Schmerz einer einsamen Frau enden zu lassen. Geht’s denn überhaupt moderner?
Calixto Bieito lässt jedenfalls keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Geschichte hier und heute ihren Platz hat: Aus der heidnischen Zauberin Armide ist eine Business-Frau geworden, die die Männer an der Kandare hat. Eine ganze Horde splitternackter Athleten hält sie sich als erotische Verfügungsmasse in ihrem kalt glänzenden Hightech-Palast. Wer hier Gefühle zeigt, hat schon verloren. Mit schonungsloser Deutlichkeit vollzieht Bieito den Abstieg nach, dem Armide von dem Augenblick an ausgeliefert ist, in dem sie versucht, ihre Liebe zum Ritter Rinaldo ...
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