Keine Angst vor großen Gesten

Kleider machen Oper. Wenn es nach Andrea Schmidt-Futterer geht, können sie alles außer singen. Die Garderobe soll sich zwar einmischen, aber nicht laut werden. Ein Gespräch über die Furcht der Regisseure vor Kostümen und die Kunst, Sänger gut aussehen zu lassen

Frau Schmidt-Futterer, Ihre Zunft kommt auf dem Besetzungszettel meist an vorletzter Stelle. Einige Regisseure sehen das Kostüm als notwendiges Übel, viele scheinen sich regelrecht davor zu fürchten. Oder täuscht der Eindruck?
Nein, diese Angst beobachtet man tatsächlich oft. Entwickelt hat sie sich, als einzelne Kostümbildner den Kittel und die Schlabber-Trainingshose einführten. Erst war das originell, doch der Trend verselbstständigte sich rasch.

Inzwischen ist es an vielen Opernhäusern ganz und gar üblich, dass man irgendwas von der Stange besorgt, statt selbst zu entwerfen. Mehr ist im Budget oft auch gar nicht drin.

Was ist der Grund für diesen Trend zum Minimalismus?
Das hat sicher mit einer Scheu vor großen Gesten, vor Pathos zu tun. Womit ich nicht sagen will, dass eigene Entwürfe zwangsläufig pathetisch wären, bestimmt nicht! Aber auch mir wirft man gelegentlich vor, dass ich zu «kostümdramaturgisch» denke. Ich mache eben Kleider, die sich einmischen. Zugleich ist mir bewusst, dass es nichts Gefährlicheres gibt als eine zu auffällige Garderobe. Eine, die sich wichtig macht, die sich in den Vordergrund drängt. Die Angst vor «lauten» Kostümen teile ich.

Woran merkt man, dass ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2016
Rubrik: Interview, Seite 32
von Kai Luehrs-Kaiser

Weitere Beiträge
Ironischer Realismus

In «Andrea Chénier», seiner erfolgreichsten Oper, widmete sich Umberto Giordano wahrlich einem würdigen Gegenstand: Ein Dichter und politischer Aktivist gerät zwischen die Mahlsteine des Robespierre’schen Terrors und wird schließlich guillotiniert. Nicht nur die musikalisch einprägsame Faktur des Werkes – insbesondere der Titelpartie – und Illicas starkes Libretto...

Bloßgestellt

In ihrer Lübecker Mozart-Inszenierung versucht Sandra Leupold ins Szenische zu übertragen, was die Harmonielehre einen Trugschluss nennt: Nachdem die drei männlichen Protagonisten am Ende des Andante Nr. 30 ihr «Così fan tutte» geschmettert hatten, fällt der Vorhang, Guglielmo, Ferrando und Don Alfonso verbeugen sich, und das Saallicht wird eingeschaltet. Ein...

Nebel des Grauens

Londons Nebel war notorisch. Aber er gab der Metropole an der Themse zugleich eine ganz spezielle Note, machte sie angeblich so unvergleichlich, dass nicht mal Flugzeuge abreisen wollten. So zumindest der Aphorismus eines Satirikers. Fog und Smog soll es schon im London des 13. Jahrhunderts gegeben haben; die Emission von schwefelhaltigem Rauch durch Kohleheizungen...