Kein richtiges Leben im falschen

Giuseppe Verdis selten gespielte «Luisa Miller» in Stuttgart und Wiesbaden

Opernwelt - Logo

Mit seiner fünfzehnten Oper, dem im Dezember 1849 in Neapel uraufgeführten melodramma tragico «Luisa Miller», hat Verdi die Schwelle der Meisterschaft erreicht. Und dennoch wird dieses Stück, in dem er, drei Jahre vor der ungleich erfolgreicheren «Traviata», in Anlehnung an Schillers «Kabale und Liebe» erstmals einen intimen Stoff gestaltet, nur selten aufgeführt. Verdis Librettist Cammarano hat Schillers handlungsarmes, aber ausufernd rhetorisches Trauerspiel geschickt aufs Format einer italienischen Nummernoper reduziert.

Was dabei an Komplexität des Dialogs und politischer Brisanz verloren ging, gleicht Verdis Musik durch heftige Emotionalisierung wieder aus: Sie macht hörbar, wie Luisa in einem Räderwerk aus Lügen und Intrigen zugrunde geht.

Verdis Formkunst ist mit Mitteln des Realismus nicht zu erfassen. Seine Menschen sind keine Ideenträger, sondern singende Triebsubjekte. Welch konträre szenische Folgerungen sich daraus ziehen lassen, demonstrierten die beiden Aufführungen zu Spielzeitbeginn in Wiesbaden und Stuttgart, die sich ästhetisch radikal unterschieden und doch in ihrem Scheitern einander glichen.

Markus Dietz ließ sich in Stuttgart von dem im vergangenen Dezember ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Formgefühl und Leidenschaft

Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner...

Trauerfahnen, (Schein-)Heilige, Himmelsstürmer

Seit mehr als drei Jahren reißen die Spekulationen über die Zukunft von Rolando Villazón nicht ab. Wenn er ein Konzert nicht abbricht wie am 7. August in Kopenhagen oder ganz absagt wie in Verbier, wird er von fanatischen Verehrern mit entrollter mexikanischer Flagge begrüßt. «Trauerfahnen wären», wie Ulrich Weinzierl nach dem Salzburger Konzert 2010 anmerkte,...

Wohin das Denken so treibt

Ehre sei den Provisorien. Ohne die wäre vieles im Laufe der Musikgeschichte gar nicht zustande gekommen. Strawinskys «Histoire du Soldat» beispielsweise. Eine ganze Opernästhetik basierte wortwörtlich auf einer winzigen Behelfsbühne: dem «Nudelbrett» der Darmstädter Orangerie in der überaus kreativen Ära Harro Dicks vor dem Umzug ins neue Staatstheater. Begrenzung...