Kein richtiges Leben im falschen
Mit seiner fünfzehnten Oper, dem im Dezember 1849 in Neapel uraufgeführten melodramma tragico «Luisa Miller», hat Verdi die Schwelle der Meisterschaft erreicht. Und dennoch wird dieses Stück, in dem er, drei Jahre vor der ungleich erfolgreicheren «Traviata», in Anlehnung an Schillers «Kabale und Liebe» erstmals einen intimen Stoff gestaltet, nur selten aufgeführt. Verdis Librettist Cammarano hat Schillers handlungsarmes, aber ausufernd rhetorisches Trauerspiel geschickt aufs Format einer italienischen Nummernoper reduziert.
Was dabei an Komplexität des Dialogs und politischer Brisanz verloren ging, gleicht Verdis Musik durch heftige Emotionalisierung wieder aus: Sie macht hörbar, wie Luisa in einem Räderwerk aus Lügen und Intrigen zugrunde geht.
Verdis Formkunst ist mit Mitteln des Realismus nicht zu erfassen. Seine Menschen sind keine Ideenträger, sondern singende Triebsubjekte. Welch konträre szenische Folgerungen sich daraus ziehen lassen, demonstrierten die beiden Aufführungen zu Spielzeitbeginn in Wiesbaden und Stuttgart, die sich ästhetisch radikal unterschieden und doch in ihrem Scheitern einander glichen.
Markus Dietz ließ sich in Stuttgart von dem im vergangenen Dezember ...
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