Kabale am Musenhof
Man kennt das aus der Wirtschaft: Der Patriarch kann sich nicht aus seiner Führungsposition lösen, hält jeden, der Ideen für die Zukunft der Firma entwickelt, für inkompetent – und treibt damit letztlich das Familienunternehmen in den Ruin. So führt sich derzeit auch Siegfried Matthus auf, der zu DDR-Zeiten hoch geschätzte Komponist, der kurz nach der Wende die Kammeroper Schloss Rheinsberg gegründet hat.
Zum Glück handelt es sich bei dem Sommerfestival aber um ein mit Steuergeldern finanziertes Projekt, so dass Matthus zwar wüten und toben, aber nicht verhindern kann, dass die Geldgeber nun einen neuen Intendanten gewählt haben, nämlich Georg Quander, der von 1991 bis 2002 die Berliner Staatsoper leitete und anschließend Kulturdezernent in Köln war.
Quander ist den Umgang mit dominanten Künstlercharakteren eigentlich gewohnt, schließlich hieß in Berlin sein Generalmusikdirektor Daniel Barenboim. Doch Matthus’ unversöhnliche Haltung schmerzt ihn. «Wir kennen uns seit den 70er-Jahren, als Komponist habe ich ihn immer geschätzt und hätte ihn im Sommer gerne als Ehrengast in Rheinsberg gewürdigt.»
Das idyllisch gelegene Städtchen 90 Kilometer nördlich der Hauptstadt ist eigentlich ein Ort, an dem man fast automatisch gute Laune bekommt. Friedrich der Große hat dort als Prinz glückliche Jahre verbracht, sein Bruder Heinrich etablierte später einen wahren Musenhof. Schon in den 1980er-Jahren träumte Siegfried Matthus, der als ausgebombter Berliner Jüngling in Rheinsberg das Abitur gemacht hatte, davon, hier ein Musikfestival zu etablieren. 1991 gelang es dann, schnell entwickelte sich die Kammeroper zur festen Größe im Ausflugskalender der Berliner.
Der anhaltende Erfolg führte dazu, dass Matthus wie ein Duodezfürst hofiert wurde – und es für selbstverständlich hielt, dass 2014, als er sich mit 80 Jahren von der Leitung der Kammeroper zurückzog, sein Sohn Frank ihn in direkter dynastischer Folge beerbte. Matthus junior setzte neben Uraufführungen vor allem auf Blockbuster, ließ «Traviata», «Tosca» und «Carmen» spielen – Stücke, die nicht nur in Berlin ständig zu erleben sind, sondern die eigentlich auch zu schwer sind für die jungen Sängerinnen und Sänger, deren Förderung einst die Gründungsidee des Festivals war.
Der nähert sich Georg Quander jetzt wieder deutlich an. Im Sommer bietet er mit Friedrich von Flotows «Martha» sowie Domenico Cimarosas «Gli Orazi e i Curazi» zwei Werke, die für Nachwuchskehlen gut geeignet sind. Und die man in Berlin nicht erleben kann. Für Cimarosas Musiktragödie von 1796 hat er bereits den Sopranisten Samuel Mariño gewinnen können. Die weiteren Rollen werden im Frühjahr bei Vorsingen in Berlin und Moskau vergeben. Mehr als 200 Bewerbungen sind dafür eingegangen.
Bei «Gli Orazi e i Curazi» wird Georg Quander selber die Inszenierung übernehmen, für «Martha» hat er mit dem Dirigenten Florian Ludwig einen bekennenden Fan der deutschen Spieloperntradition engagiert und mit Holger Potocki einen Regisseur, der Spaß an musikalischen Komödien hat. Starten wird das Festival mit einer Uraufführung: Aurélien Bello, der in den letzten Jahren viel in Rheinsberg dirigiert hat, schreibt ein Musiktheaterstück, das sich mit den Irrungen und Wirrungen des modernen Menschen in der digitalisierten Welt beschäftigt.
Erste programmatische Akzente wird Quander bereits zu Ostern setzen. Dann soll Heinrichs Musenhof wiederbelebt werden, im Geist des 18. Jahrhunderts, mit einem Programm, das diverse Genres vereint und alle Sinne anspricht. Neben Haydns «L’isola disabitata» und einem Konzert der Berliner Lautten Compagney wird es auch Peter Hacks’ Schauspielstück «Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe» geben, thematische Schlossführungen, einen literarischen Brunch sowie einen Osterspaziergang im Park.
Opern von Siegfried Matthus werden in Rheinsberg übrigens künftig nicht mehr aufgeführt. Das hat der Komponist nachdrücklich untersagt.
Opernwelt März 2019
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Frederik Hanssen
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