Blinde Flecken

Křenek: Jonny spielt auf
Prag | Nationaltheater

Opernwelt - Logo

Gletscher? War da mal was? Richtig, das waren diese majestätischen Eisgebilde, die Berglandschaften spektakulären Glanz verliehen, bevor die Menschheit begann, immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre zu feuern. In den 1920er-Jahren waren sie noch weitgehend intakt, ein vertrauter Anblick, so dass Ernst Křenek für seine Oper «Jonny spielt auf» einen Gletscher als Schauplatz wählte. Eine der Hauptfiguren, der Komponist Max, zieht sich auf der Suche nach Inspiration ins Eis zurück.

Am Prager Nationaltheater zeigt uns Regisseur David Drábek nun, dass dieser magische Blick auf die Natur nicht mehr existiert, dass ihn längst die Logik kommerzieller Verwertung verdrängt hat. Also sehen wir auf der Bühne topografische Karten, wie man sie aus Skigebieten kennt, mit Liften und Pisten, die die weißen Panoramen wie Tumore überziehen. Um einen Rest Naturmystik im ersten Bild zu bewahren, lässt Drábek Zwerge und Tiere tanzen, während Max sich in die Sängerin Anita verliebt. Sie ist freilich keine Seelenverwandte des Romantikers, sondern Protagonistin einer die Natur als Ressource, sprich: als Erholungsraum nutzenden Moderne: Sie hat sich nur vom nahegelegenen Hotel ins Eis verlaufen.

In den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Udo Badelt

Weitere Beiträge
Verstolpert

Der 1813 entstandene «Faust» von Louis Spohr gehört zu den mehr gerühmten als wirklich bekannten, gar aufgeführten Hauptwerken der deutschen romantischen Oper; ja, er markiert, zusammen mit der «Undine» des Dichterkomponisten E.T.A. Hoffmann, recht eigentlich deren Beginn. An Goethe und die spätere musikalische «Faust»-Metaphysik des 19. Jahrhunderts darf man...

Ein Kessel Buntes

Zum Glück besitzt Rolando Villazón viele Talente. Seit er sich als Sänger immer mehr zurückziehen muss, lebt er diese umso stärker aus: Regisseur, Autor, Fernsehmoderator, Rollenmodell und Mozart-Botschafter. In Salzburg fügt er seinem Portfolio nun für fünf Jahre die Intendanz der seit 1956 jährlich rund um des Komponisten  Geburtstag stattfindenden Mozartwoche...

Kollektiver Mythos

Es war ein mutiger, gewiss auch überambitionierter, weil szenisch nicht bewältigter Abend, an dem sich Demis Volpi in Saarbrücken mit dem finstersten aller griechischen Mythen auseinandersetzte – mit Medea, die zugleich Liebende und Rächende, Opfer und Täterin ist. Multiperspektivisch, aber unverbunden nebeneinandergestellt, konfrontiert er den...