Italienische Reise
In der letzten Szene von Donizettis «Maria Stuarda» betritt, jedenfalls in Pier Luigi Pizzis Inszenierung, mit dem einleitenden Chor auch der Henker die Bühne. Erst unentschlossen, sucht er seinen Platz und stellt sich, auf sein Beil gestützt, in Positur – ein lebendes Standbild seiner Profession. Er muss sich allerdings in Geduld üben, denn der Chor lässt sich viel Zeit, über die bevorstehenden Schrecken von Marias Hinrichtung zu sinnieren. Wenn Maria endlich kommt, schreitet sie würdevoll am Schafott vorbei, den Henker keines Blickes würdigend.
Dann nimmt sie Abschied von ihren Vertrauten, vereinigt sich mit ihnen im Gebet und äußert schließlich ihre letzten Wünsche. In einem ergreifenden Arioso verzeiht sie ihrer Widersacherin. Da kommt Leicester, mit dem sie sich in langen Abschiedskantilenen ergeht. Der Henker, ein stoischer Glatzkopf, verfolgt von seinem isolierten Stehplatz aus diese nicht enden wollende Belcanto-Orgie, ohne eine Miene zu verziehen. Schließlich wird es ihm doch zu viel, und er reißt Maria den Mantel von den Schultern. Doch die lässt sich nicht irritieren, hebt an zu einem letzten triumphalen Addio, bevor sie sich aufs Schafott bequemt. Fast eine halbe Stunde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Herr Hengelbrock, Sie gelten als Nonkonformist. Was stört Sie am Musikbetrieb?
Es ist eine Tendenz unserer Zeit und auch des hemmungslosen Kapitalismus, dass alles komprimiert wird auf die bestmöglichen Verwertungsmöglichkeiten. Wenn ich Musik reduziere auf die rein technischen Parameter – höher, tiefer, lauter leiser –, dann komme ich zwar mit wenig Proben aus,...
«Der junge Lord», das Produkt engster und einvernehmlichster Zusammenarbeit des Komponisten Hans Werner Henze und der Dichterin Ingeborg Bachmann, ist ein vertracktes Stück: Es bietet eine gut geölte Komödienmaschinerie mit scharf umrissenen Typen und eine effektvolle, raffiniert instrumentierte Musik, die als moderne Reinterpretation klassischer Topoi der...
George Gerswhin hob die Hand, um sie wie ein Falke auf die Tasten des Klaviers niederstürzen zu lassen. Doch plötzlich hielt er inne. «Eines noch, Rouben», sagte er, «es muss dir klar sein, dass das eine ganz schwierige Partitur ist. Eigentlich ist sie unmöglich. Kann man denn Wagner überhaupt auf dem Klavier spielen? Und das hier ist wie Wagner.» Vom Regisseur...
