Ins Lyrische entschwebt
Schon das Vorspiel erzählt das ganze, traurig aktuelle Drama. Im doppelten, dann sogar dreifachen Pianissimo der gedämpften Violinen schwebt das ätherische Liebesmotiv der Aida aus dem Graben hoch hinauf in die Ränge der Semperoper: ein metrisch instabiles, unendlich einsames und beinahe körperloses Sehnen und Hoffen, fragil und vergeblich wie die Utopie einer Liebe in Zeiten eines brutalen Krieges über alle Feindgrenzen hinweg. Selten hat man die Verlorenheit dieses grazilen Streicher-Themas so anrührend zart gehört wie an diesem Premierenabend.
Wenn dann die Celli mit der absteigenden Linie des Priestermotivs einsetzen und die satztechnische Maschinerie der imitatorischen thematischen Arbeit sich anschickt, das haltlos im Raum schwebende Liebesmotiv auf den stabilen Boden symphonischer Gepflogenheiten zu holen, dann klingt dieser Verdi ein wenig wie Brahms.
Christian Thielemann ist bekanntlich vor allem ein Liebhaber des deutschen Repertoires und unternimmt eher selten Ausflüge ins italienische Fach. An diesem Abend dirigiert er tatsächlich seine erste «Aida». Wenn er aber mit der prächtig spielenden Staatskapelle Dresden in dieser Oper ein heimliches Musikdrama entdeckt, dann ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Julia Spinola
Es gibt viele Lieder, «die heute vergessen und abgetan sind», schreibt Thomas Mann 1930 in den Erinnerungen an seine Mutter und bricht eine Lanze für Eduard Lassen, «einen Musiker etwas süßlichen Geschmacks …, der es aber ein paarmal in Verbindung mit Heinrich Heine zu einer sensitiven Ironie des Ausdrucks bringt, die mir unvergesslich ist». Am Ende des 19....
Die Ära von Roland Geyer, dem Gründungsintendanten des Theaters an der Wien, neigt sich mit einer Produktion ihrem Ende entgegen, die wenig typisch ist für das Haus, an dem sich in den letzten Jahren Großtaten wie etwa Tatjana Gürbacas kühne «Ring»- Dekonstruktion ereigneten. Kurz vor der wegen Generalsanierung nötigen Schließung des Stammhauses und der Übernahme...
Über Auschwitz schreiben? Eigentlich erscheint dies, und das beileibe nicht nur Adornos vielbemühten (und vieldeutigen) Verdikts wegen, als ein Ding der Unmöglichkeit. Wie soll oder kann man ein Grauen in Worte fassen, das bis heute sprachlos macht? Und darf man dieses sprachlos Machende überhaupt in ästhetische Formen gießen? Liest man die romanhaften Reflexionen...
