Ins Lyrische entschwebt
Schon das Vorspiel erzählt das ganze, traurig aktuelle Drama. Im doppelten, dann sogar dreifachen Pianissimo der gedämpften Violinen schwebt das ätherische Liebesmotiv der Aida aus dem Graben hoch hinauf in die Ränge der Semperoper: ein metrisch instabiles, unendlich einsames und beinahe körperloses Sehnen und Hoffen, fragil und vergeblich wie die Utopie einer Liebe in Zeiten eines brutalen Krieges über alle Feindgrenzen hinweg. Selten hat man die Verlorenheit dieses grazilen Streicher-Themas so anrührend zart gehört wie an diesem Premierenabend.
Wenn dann die Celli mit der absteigenden Linie des Priestermotivs einsetzen und die satztechnische Maschinerie der imitatorischen thematischen Arbeit sich anschickt, das haltlos im Raum schwebende Liebesmotiv auf den stabilen Boden symphonischer Gepflogenheiten zu holen, dann klingt dieser Verdi ein wenig wie Brahms.
Christian Thielemann ist bekanntlich vor allem ein Liebhaber des deutschen Repertoires und unternimmt eher selten Ausflüge ins italienische Fach. An diesem Abend dirigiert er tatsächlich seine erste «Aida». Wenn er aber mit der prächtig spielenden Staatskapelle Dresden in dieser Oper ein heimliches Musikdrama entdeckt, dann ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Julia Spinola
Herr Currentzis, am Opernhaus von Perm haben Sie das Privileg der völligen künstlerischen Freiheit genossen, sind aber kürzlich nach Sankt Petersburg gezogen, wo Ihnen im Grunde nur ein experimenteller Proberaum zur Verfügung steht – «Dom Radio». Fehlt Ihnen als überaus theatralischem Menschen, der Sie selbst noch in Ihren Konzerten sind, nicht der Duft des...
Giorgio Strehler hatte einen Traum. Er träumte von einem Theater voller Schönheit, Freude, Musik, das nur durch «kleine Spritzer von Bitterkeit» irritiert würde, die aber rasch vergessen seien. Er träumte von einem «menschlicheren» Theater, das an die Welt gebunden ist, als Ganzes, im Guten wie im Bösen, im Bemühen wie im Kämpfen. Welt und Theater sollten, so...
Schon ihr Name war Musik und wurde im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre zum Synonym für Italien- und Opernsehnsüchte schlechthin. Am 15. März 1929 im umbrischen Perugia geboren, wo sie später auch ihre Ausbildung erhielt, war sie gerade einmal 20 Jahre alt, als sie im benachbarten Spoleto den ersten Preis bei einem Gesangswettbewerb gewann, der mit einem...
